Wir im Westen, zwangsbeglückt und selbstermächtigt durch Aufklärung und demokratisierende Revolutionen, brauchen keine Tabus mehr. Man möchte meinen, dass diese unausgesprochenen Gesetze, die ein nicht zu hinterfragendes Regelwerk formen, weit hinter uns liegen. Nein. Die Themen, über die nicht gesprochen wird, haben sich im gesellschaftlichen und historischen Kontext natürlich verändert. Wir werden nicht mehr schief angeschaut, wenn wir offen über Sex reden, doch Tabus existieren nach wie vor.

Es passiert nichts, wenn wir uns trauen, zu helfen

Junge Mädchen verheimlichen aus Scham ihre Schwangerschaft. Fünf Prozent der ÖsterreicherInnen haben Aids, aber trauen sich nicht, darüber zu reden. Ehefrauen überschminken ihre blauen Flecken. Und wir tun so, als würden wir das alles nicht sehen.

Der Unterschied im Umgang mit Tabuthemen von heute zur Vergangenheit ist, dass den Menschen in letzterer das Verbot, Tabuthemen anzusprechen, von Autoritäten auferlegt wurde. Aber jetzt sind wir in Europa stolz auf unser besonders liberales Mindset. Wir dürfen fast alles, können fast alles, machen fast alles.

Probleme lösen sich nur durch offenen Diskurs. Brecht euer Schweigen!

Nur reden wir nicht über alles. Statt Gefängnisstrafen droht uns jetzt der vermeintliche Akzeptanzverlust innerhalb der Gesellschaft. Wir erlegen uns das Sprechverbot selbst auf. Die im Grunde genommen vollkommen unbegründete Angst vor Tabubrüchen lenkt unser Leben in scheinbar geordnete Bahnen. Denn wir vergessen oft, dass uns ja eigentlich nichts passiert, wenn wir uns trauen zu helfen und auf Menschen zuzugehen.

Schalter in den Köpfen umlegen

Niemand redet gern über Depressionen, häusliche Gewalt, Essstörungen oder Mobbing und es gibt mit Sicherheit ästhetischere Themen, die bessere Stimmung verbreiten. Aber genau diese unangenehmen Angelegenheiten offen anzusprechen, um nicht zuletzt Betroffenen zu signalisieren, dass sie nicht allein sind und dass es Leute gibt, die sich ihrer Probleme annehmen, wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Der Anfang ist schon getan. Der Weltaidstag findet am ersten Dezember zum 29. mal statt. Es gibt Selbsthilfegruppen, Frauenhäuser und Magazine wie dieses, die einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung wagen, indem sie Prekäres thematisieren. Aber all diese Initiativen sind zwecklos, wenn wir es nicht bald schaffen, den Schalter in den Köpfen der Menschen umzulegen.

Es ist nicht 1940, Hitler ist lange tot und Metternich noch viel länger. Über Dinge zu reden, die niemand hören will, erzeugt nicht mehr Gefahr, verhaftet zu werden. Über Dinge zu reden, die niemand hören will, wirkt präventiv. Probleme lösen sich nur durch offenen Diskurs. Brecht euer Schweigen!  

 

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