Das Motto des letzten Jahres war „Know your Status“, denn weltweit wissen etwa 40 Prozent aller HIV-positiven Menschen nichts von Ihrer Infektion. Merkt man da schon einen Impact der Kampagne?

Weltweit kennt fast jeder Zweite seinen Immunstatus nicht, in Europa ist das etwa jeder Siebte. Der erste Schritt im Kampf gegen HIV/AIDS ist es daher, dafür zu sorgen, dass jeder seinen eigenen Immunstatus kennt. So schützt man nicht nur andere vor einer Infektion, sondern kann auch selbst rechtzeitig eine Therapie erhalten. Deshalb haben wir mit unserer Kampagne versucht, eine klar verständliche Botschaft zu senden: Know your Status! Sprich darüber und ermutige auch andere, sich testen zu lassen!

Dafür haben wir auch eng mit den Aidshilfen Österreichs zusammengearbeitet und unter anderem landesweit mobile Teststationen aufgestellt, wo sich die Menschen sichtbar in der Öffentlichkeit testen lassen konnten. Die Rückmeldungen der einzelnen Aidshilfen auf die Kampagne waren toll: In der Aids Hilfe Wien gab es beispielsweise einen Testanstieg von über 20 Prozent während der Kampagne. Wie lange dieser Effekt anhält, ist schwer zu sagen. Deshalb ist es notwendig, dass die Botschaft auf Dauer präsent bleibt.

Was bedeutet es im 21. Jahrhundert, mit HIV bzw. AIDS zu leben?

Im Vergleich zu der Situation vor 25 Jahren, als wir den ersten Life Ball ausrichteten, hat sich die medizinische Situation deutlich gebessert. HIV ist von einer tödlichen Krankheit zu einer behandelbaren, chronischen Krankheit geworden. Das ist ein enormer Fortschritt, dennoch macht sich dadurch auch eine gefährliche Sorglosigkeit breit, weil einige die Krankheit nicht mehr ernst genug nehmen. Geblieben sind auch das Stigma und soziale AIDS.

Sie haben sich selbst in ihren Zwanzigern infiziert. Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, Ihre Erkrankung 2015 öffentlich zu machen? Was hat sich dadurch verändert?

Es war der unerwartete Tod eines langjährigen Freundes kurz vor dem Life Ball 2015, der den letzten Ausschlag gab, dem Bedürfnis nachzugeben, offen über meine Erkrankung zu sprechen. Ich will vor allem den Betroffenen Mut machen. Ich habe lange nicht über meine Erkrankung gesprochen, weil ich nicht wollte, dass die Leute und Sponsoren sich aus Mitgefühl oder Mitleid für den Life Ball engagieren, sondern für die Sache selbst.

In den letzten beiden Jahren sind die Neuninfektionen wieder angestiegen – 2016 waren es 447. Sind die Menschen zu wenig informiert oder einfach nur leichtsinnig?

Dadurch, dass HIV/AIDS zu einer behandelbaren Krankheit geworden ist, sind tatsächlich viele zu leichtsinnig. Gleichzeitig gibt es aber auch erschreckend große Wissenslücken bei vielen ÖsterreicherInnen, die meisten kennen nicht einmal den Unterschied zwischen HIV und AIDS. Zugleich ist auch solide Aufklärung von Jugendlichen wichtig.

Der Kampf gegen HIV/AIDS ist so facettenreich wie die Menschen, die davon betroffen sind.

Daher haben wir uns auch entschlossen, den Life Ball Next Generation ins Leben zu rufen. Damit wollen wir gezielt junge Menschen ansprechen und informieren. Im Rahmen dessen bieten wir gemeinsam mit dem Jugend gegen AIDS e.V. Aufklärungsworkshops an, in denen Jugendliche sich zu Peer Educators ausbilden lassen können, um dann in ihren Schulen selbst tätig zu werden.

Das erste Mal, Verliebtsein, Lust, Neugierde, aber auch Druck, Angst und Unwissenheit – gerade in der Pubertät ist Sex ein schwieriges Thema. Welche Unterstützung und welches Umfeld brauchen Jugendliche, um sicher ihre Sexualität entdecken und ausleben zu können?

Über Sexualität im Unterricht zu reden, fällt LehrerInnen leider häufig schwer und ist oft unangenehm. Jugendlichen fällt es leichter, mit Gleichaltrigen auf Augenhöhe zu sprechen, und das in einem entspannten Rahmen, wo auch Fragen gestellt werden können.

Mit unseren Peer-Educator-Workshops versuchen wir genau das zu erreichen. Denn jeder junge Mensch hat das Recht auf solide Aufklärung. Um die eigene Sexualität ausleben zu können, braucht es aber auch eine offene und tolerante Gesellschaft, die den jungen Menschen den Freiraum lässt, dies zu tun.

Dinge die man zum ersten Mal macht, können ja ganz besonders schön sein, wirklich souverän ist man dabei aber selten. Was würden Sie jungen Menschen mit auf den Weg geben – außer einem Kondom?

Sich Zeit, nicht unter Druck setzen oder durch falsche Erwartungen und Vorstellungen stressen lassen. Und vor allem auch: den Spaß beim Spaß haben nicht vergessen.

Lifeball:

Was kann ich machen, wenn ich mich auch abseits des Life Ball für den Kampf gegen AIDS engagieren möchte?

Der Kampf gegen HIV/AIDS ist so facettenreich wie die Menschen, die davon betroffen sind. Es gibt Einrichtungen, wie die sieben Aidshilfen in Österreich, die sich immer über helfende Hände freuen. Oder andere Projekte wie der Buddy Verein oder Diversity Care in Wien. Wer sich engagieren will und ein bisschen sucht, wird schnell fündig. Auch im Alltag mit Freunden und Bekannten über das Thema HIV/AIDS zu sprechen und es lebendig im Bewusstsein zu halten, ist wichtig.

Was inspiriert Sie zu den Themen des Balls?

Ich sammle meine Inspirationen überall. Meine großen Lieben sind die Oper, Musik, Geschichte und auch Mythologie. Hier werde ich meist fündig. Die Themen des Life Ball sind immer sehr vielschichtig und es schwingen stets viele Bedeutungsebenen mit.

Der Life Ball hat sich immer auch für die Rechte Homosexueller eingesetzt. Etwa mit der Wedding Chapel, wo Paare jeglicher sexuellen Orientierung getraut wurden. Was steht da in den nächsten Jahren auf der Agenda des Life Ball?

Das ist richtig. Neben dem Kampf gegen HIV/AIDS und der damit verbundenen Diskriminierung hat sich der Life Ball schon immer zahlreicher gesellschaftspolitischer Themen angenommen. Ob dies eine Wedding Chapel war oder das viel diskutierte Plakat „Ich bin Adam. Ich bin Eva. Ich bin ich“ von David LaChapelle.

Auch beim letzten Life Ball mit dem Motto „Recognize the Danger“ haben wir uns mit der eigenen Geschichte der 1920er- und 1930er-Jahre auseinandergesetzt:  Erkenne die Gefahr und das in jedem Bereich, ob in der Gesundheit oder der Gesellschaft. Und natürlich werden wir auch beim kommenden Jubiläumsball am 2. Juni 2018 überraschen. 

 

Weitere Informationen unter: lifeplus.org/