Wann wussten Sie, dass Sie Medizinerin werden wollten?

Der Wunsch steckte schon als Kind tief in mir. Vielleicht, weil es etwas war, was sich meine Eltern, Gastarbeiter aus der Türkei, für ihre Kinder wünschten. Wir sollten es besser machen und besser haben als sie. Vielleicht auch, weil meine Mama öfter ins Krankenhaus musste und mich die Ärzte dort beeindruckten. Ich wusste es ganz einfach. Und habe seit jeher daraufhin gearbeitet.

Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Ihre Herkunft Sie auf Ihrem Weg behinderte?

Ich bin ein sonniges Gemüt, darüber habe ich mir nie große Gedanken gemacht. Wenn überhaupt, dann zweifelte ich an meiner Leistung. Ich schöpfe aus meiner Herkunft eher Kraft. Meine Mama ist mir ein Vorbild: Nach dem Tod meines Vaters, ich war zehn, zog sie mich und meine beiden Brüder allein groß.

Sie hat nie die Schule besucht und ihre teils recht stupide und körperlich anstrengende Arbeit stets ohne Murren verrichtet. Noch heute, mit 66 Jahren, arbeitet sie jeden Tag acht Stunden. Ich bewundere sie für ihr Durchhaltevermögen und bin froh, dass sie mir etwas davon vererbt hat.

Sie haben 2012 als erste Frau in Europa ein Kunstherz implantiert. Wie schaffen Sie es, in der von Männern dominierten Herzchirurgie ihre Frau zu stehen?

Ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Und ich fordere ein, meine Leistung einzubringen – und das beharrlich. Das ist in einer noch immer hierarchischen und männlich dominierten Struktur wie der Herzchirurgie keine leichte Sache. Ich treffe immer wieder auf die Erwartung männlicher Kollegen und Vorgesetzten, dass ich mich in dieser Männerdomäne auch maskulin verhalte. Meine Weiblichkeit anpasse oder gar negiere. Warum sollte ich das tun? Ich bin eine Frau! Ich leiste, was ich leiste als Frau.

Was raten sie Frauen, um in Leben und Beruf zu bestehen?

Das zu tun, was sie von Herzen wollen – das Herz bringt Leidenschaft ins Tun! Wichtig ist zudem eine Prise Gelassenheit, die frau dann dringend braucht, wenn das Leben seiner Wege geht und sie nicht sofort sieht, was sie hinter der nächsten Biegung erwartet. Anstatt in übereilten Aktionismus zu verfallen, hilft es, unermüdlich weiterzugehen, Entwicklungen abzuwarten und sich selbst zu vertrauen.

Zugleich sollten Frauen den Mut haben, bei Fehlentscheidungen innezuhalten, ein, zwei Schritte zurückzugehen und dann erneut oder mit neuem Ziel zu starten. Besonders im Umgang mit starren Strukturen und Köpfen helfen mir Offenheit und Ehrlichkeit: Ich sage klipp und klar, dass ich Chefärztin werden möchte und bereit bin, mich dafür leidenschaftlich zu engagieren. Mein Gegenüber weiß, woran er mit mir ist. Im Gegenzug fordere ich Gleiches.

Welche Rolle spielen Netzwerke für beruflichen Erfolg?

Ich lege Frauen ans Herz, sich beruflich und darüber hinaus zu vernetzen. Früher oder später zahlt sich das aus: Ich bin einmal in die Sprechstunde des Neusser CDU-Bundestagsabgeordneten Hermann Gröhe gegangen und als er fragte, was er für mich tun könne, antwortete ich: „Ich bin nicht hier, damit Sie etwas für mich tun. Ich möchte weder in die Partei noch in die Politik. Ich bin Herzchirurgin.

Meine Frage ist vielmehr: Was kann ich tun, um in meinem Beruf Menschen bestmöglich zu helfen?“ Jahre später, Gröhe war längst Bundesgesundheitsminister in Merkels drittem Kabinett, lernte ich seine Frau kennen und begeisterte sie mit meiner Geschichte.

Sie stellte mich einem Lokaljournalisten vor und so kam ich damit zum ersten Mal in die Zeitung. Das wachsende öffentliche Interesse an meinem Weg und meiner Leistung in der Kunstherzchirurgie stärkt mich und hilft mir, beruflich weiterzukommen – es öffnet Türen.