Beim Thema Stillen bekommen selbst Mütter mit großen Kindern manchmal noch verklärte Augen. Was ist daran so besonders?

Oh, das kann man nicht in einem Satz sagen! Stillen ist eine wirklich einzigartige Erfahrung und viel mehr als nur reine Nahrungsaufnahme für den Säugling. Es ist eine unglaublich intensive Kuschelzeit und das Band, das dabei zwischen Mutter und Baby entsteht, ist etwas ganz Besonderes. Ich habe selbst meine Tochter gerne und lange gestillt. Eine wunderschöne, intensive und innige Erfahrung! Und die gesundheitlichen Vorteile der Muttermilch sprechen natürlich für sich.

Welche mit wissenschaftlichen Studien belegten Vorteile hat das Stillen?

Was viele nicht wissen: Muttermilch ist lebendig. Sie passt sich immer wieder den Bedürfnissen und der Entwicklung des Babys an. So bekommt das Baby nicht nur wichtige Nährstoffe, sondern auch jede Menge natürliche Abwehrstoffe und die Entwicklung aller Organe, insbesondere des Gehirns, wird gefördert.

Muttermilch enthält sogar Stammzellen! Stillbabys haben oft auch ein geringeres Risiko für Übergewicht, Diabetes und Herzerkrankungen. Übrigens profitiert nicht nur das Baby: Mütter, die stillen, haben ein geringeres Risiko, später an Eierstock- oder Brustkrebs zu erkranken. Auch ihr Risiko für Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist geringer. Und nicht zuletzt verbrennt Stillen einige zusätzliche Kalorien!

Kann denn jede Frau ihr Baby stillen?

In der Regel ja. Die Brust bereitet sich schon in der Schwangerschaft auf das Stillen vor und auch die erste Milch, das sogenannte Kolostrum, wird bereits vor der Geburt gebildet. Trotzdem erfordert Stillen Übung und vor allem Geduld. Deshalb ist es gut, wenn einer jungen Mutter eine Hebamme oder Stillberaterin zur Seite steht. Idealerweise wird das Baby innerhalb der ersten Stunde nach der Geburt das erste Mal angelegt, um die Milchbildung optimal in Gang zu bringen.

Viel Hautkontakt und eine stressfreie Umgebung sind wichtig. In den ersten Tagen sollte das Baby am besten alle zwei bis drei Stunden angelegt werden. Wichtig ist, dass die Brust regelmäßig stimuliert wird, denn die Nachfrage nach Muttermilch bestimmt das Angebot! Bei einem Kaiserschnitt ist das erste Anlegen leider häufig nicht so schnell möglich.

Dann übernimmt eine Klinik-Milchpumpe diese Aufgabe. Sie imitiert das natürliche Saugverhalten des Babys und kurbelt so sanft die Milchproduktion an.

Es ist immer die Rede von „Stillen nach Bedarf“ – was bedeutet das?

Das bedeutet, dass ein Baby immer dann angelegt wird, wenn es Hunger hat. Das ist bei einem Neugeborenen etwa alle zwei bis drei Stunden der Fall. Später können sich die Abstände verlängern und, gerade in Wachstumsphasen des Babys, auch mal verkürzen.

Was halten Sie vom Stillen nach Plan bzw. nach der Uhr?

Davon kann ich als Hebamme nur dringend abraten. Ein Baby kann nicht lernen, seinen Hunger nach einer gewissen Uhrzeit zu richten. Wenn es Hungeranzeichen zeigt, sollte die Mutter unbedingt reagieren. Das wirkt sich langfristig auch positiv auf die Mutter-Kind-Beziehung aus, denn das Baby lernt, dass seine Bezugspersonen verlässlich sind.

Was sagen Sie Müttern, die sich zum Beispiel aus Krankheitsgründen gegen das Stillen entscheiden müssen?

Gegen Stillen oder gegen Muttermilch im Allgemeinen? Es gibt Ausnahmesituationen, in denen das Baby tatsächlich keine Muttermilch bekommen darf. Meist sind das begrenzte Zeiträume, etwa weil die Mutter Medikamente einnehmen muss. So eine Phase kann aber durch Abpumpen überbrückt werden.

So bleibt die Milchproduktion erhalten, sodass die Mutter oftmals zu einem späteren Zeitpunkt doch noch ihr Baby stillen kann. Wenn das Baby aufgrund einer Frühgeburt noch von der Mutter getrennt ist, ist es sogar sehr wichtig für seine Entwicklung, dass es Muttermilch bekommt, auch wenn direktes Stillen noch nicht möglich ist.

Bei Entscheidungen gegen das Stillen, hervorgerufen zum Beispiel durch verletzte Brustwarzen oder Flach - oder Hohlwarzen, ist die Hebamme oder Stillberaterin gefragt. Oft sind die Mütter ganz überrascht, wie viele Produkte es gibt, die das Stillen unterstützen. Bei Hohl- oder Flachwarzen etwa kann ein Brustwarzenformer zur Vorbereitung helfen und ein Stillhütchen das Stillen unterstützen.

Und was sagen Sie Müttern, die sich bewusst gegen Stillen entscheiden wollen?

Ich respektiere generell jede Entscheidung. Wichtig ist mir, dass die Mutter über die Vorteile von Muttermilch informiert wurde und ihre Entscheidung nicht aufgrund falscher Annahmen trifft. Wenn es zum Beispiel mit dem Stillen beim ersten Baby nicht so gut geklappt hat, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass es beim zweiten Baby auch schwierig wird.

In diesem Fall müsste man die Ursachen genau analysieren und die Mutter eben bei Bedarf beraten, welches Stillhilfsmittel sie unterstützen könnte. 

Wie kann sich eine werdende Mutter auf das Stillen vorbereiten?

Auf jeden Fall bitte Hände weg von Methoden zur angeblichen Abhärtung der Brust! Sie schaden mehr, als sie helfen. Ein Geburtsvorbereitungskurs ist mit Sicherheit immer eine gute Idee. Und jede Frau sollte versuchen, eine Hebamme für die Wochenbettbetreuung zu finden. Sie kann auch vor der Geburt schon bei vielen Fragen helfen. Leider findet heute nicht jede Mutter eine Hebamme, deshalb sollten sie so früh wie möglich anfragen.

Welche Tipps geben Sie Eltern, damit das Stillen gut klappt?
Viel Hautkontakt, Stillen nach Bedarf und schon in der Klinik Rooming-In, also das Baby im Zimmer der Mutter schlafen lassen. Familien sollten das Wochenbett unbedingt nutzen, um sich auf die neue Familienkonstellation einzustellen und sich Ruhe gönnen. Schlafen Sie, wenn das Baby schläft und vermeiden Sie Stress, wo es geht. Bei Stress schüttet der Körper Adrenalin aus und das ist ein natürlicher Gegenspieler von Oxytocin, dem Hormon, das die Milch zum Fließen bringt.

Wie kann der Vater die stillende Mutter unterstützen?

Stillen ist eine Beziehung zwischen Mutter und Kind, die erst noch erlernt und trainiert  werden muss. Mütter brauchen deshalb viel Unterstützung, Zuspruch und Verständnis bis sich eine gewisse Routine eingespielt hat. Die Papas können in der Zeit außerdem für Entlastung im Haushalt und bei der Betreuung älterer Kinder sorgen.

Was muss eine stillende Mutter in Sachen Ernährung und Gesundheit beachten?

Wichtig ist, dass sie ausreichend trinkt. Etwa zwei Liter täglich und am besten Wasser, Schorlen oder Stilltees. Zucker-und koffeinhaltige Getränke sollte sie reduzieren, zwei Tassen Kaffee am Tag sind erlaubt. Essen darf man in der Stillzeit praktisch alles. Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung ist ideal.

So deckt die Mutter ihren eigenen Nährstoffbedarf ab und versorgt gleichzeitig ihr Baby optimal über die Muttermilch. Je mehr Abwechslung im Speiseplan, umso besser – das Baby „schmeckt mit“. Das kann spätere Ernährungsvorlieben durchaus beeinflussen. Einziges großes Tabu: Alkohol! In Ausnahmefällen ist ein kleiner Drink zwar möglich, dann aber wirklich nur kurz nach der Stillmahlzeit.

So kann sich der Alkohol rechtzeitig bis zum nächsten Stillen wieder abbauen. Oder noch besser: Die Mutter pumpt vor dem Anstoßen Muttermilch ab und gibt sie ihrem Baby später mit der Flasche.

Ab wann ist Abpumpen denn eine Option? Und wie funktioniert das genau?

Eine Milchpumpe macht die Stillzeit definitiv flexibler. Es gibt mittlerweile so leichte, kompakte, elektrische Modelle – die passen im Zweifel sogar in die Handtasche. Wenn die Mutter Milch abpumpt und so einen kleinen Milchvorrat anlegt, kann auch der Vater oder eine andere Betreuungsperson das Baby mit der Flasche füttern. Und die Mutter hat etwas Zeit für sich, um sich zum Beispiel mit Freundinnen zu treffen oder Sport zu machen.

Wichtig ist, dass sich vor dem ersten Abpumpen die Stillbeziehung gut eingespielt hat. Am besten das Wochenbett – das sind die ersten acht Wochen –  abwarten. Ein paar Tage im Voraus sollte die Mutter dann probeweise starten, damit am Tag X alles reibungslos und entspannt klappt – sowohl beim Abpumpen, also auch beim Füttern.

Ein Sauger, der das Stillen unterstützt, kann dem Baby dabei den Wechsel zwischen Brust und Flasche erleichtern. Der beste Zeitpunkt zum Abpumpen ist übrigens etwa ein bis eineinhalb Stunden nach dem letzten Stillen. So hat der Körper der Mutter genug Zeit, Milch für das Abpumpen zu produzieren und auch für die darauffolgende Stillmahlzeit.

Ist Abpumpen auch regelmäßig möglich, z.B. wenn die Mutter wieder arbeitet? Worauf muss man dann bei der Aufbewahrung der Muttermilch achten?

Für das Baby ist es das Beste, so lange wie möglich Muttermilch zu bekommen. Mit einer mobilen Milchpumpe kann die Mutter auch auf Reisen oder im Büro ganz unkompliziert abpumpen. Mit einer elektrischen Pumpe, die simultan an beiden Brüsten abpumpt, geht das sogar richtig schnell. Wichtig ist, dass beim Aufbewahren die Milch immer kühl gelagert wird. Also immer in einer Kühltasche mit Kühlakku transportieren!

Und zu Hause im Kühlschrank bei 4 Grad oder weniger auf der untersten Ablage ganz hinten lagern. So kann die Muttermilch bis zu 5 Tage aufbewahrt werden. Wer sie einfriert, kann sie bei-18 Grad sogar bis zu sechs Monate aufbewahren. Wichtig ist, Muttermilch so schonend wie möglich, am besten im Kühlschrank, wieder aufzutauen und zum Füttern vorsichtig auf maximal 37 Grad zu erwärmen.

 Säuglinge haben Hunger, ganz gleich, ob daheim oder unterwegs. Welche Tipps haben Sie zum Stillen in der Öffentlichkeit?

Suchen Sie sich einen einigermaßen ruhigen Ort, wo Sie sich bequem hinsetzen können. In manchen Einkaufszentren oder Kaufhäusern gibt es spezielle Still-Räume. Eine Umkleidekabine oder eine ruhige Ecke im Café ist aber genauso gut. Mit spezieller Still-Kleidung kann das Baby auch bequem an der Brust trinken, ohne dass die Mutter dabei zu viel Haut zeigen muss. Wichtig ist vor allem, schon bei den ersten Hungerzeichen nach einem geeigneten Platz zum Stillen Ausschau zu halten. Mit brüllendem Baby steigt der Stresspegel für beide.

Wie lange sollte ein Kind eigentlich gestillt werden?

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt derzeit ausschließliches Stillen bis zum 6. Lebensmonat und im Anschluss, eine schrittweise Einführung der Beikost. Bis zur Vollendung des ersten oder sogar zweiten Lebensjahres sollte idealerweise neben der festen Nahrung weitergestillt werden, solange es Mutter und Kind möchten.

So wird der veränderte Nährstoffbedarf optimal abgedeckt und das Kind hat dennoch genug Zeit sich langsam an die Umstellung zu gewöhnen. Da das Abstillen nach der Geburt der zweite Abnabelungsprozess des Babys von der Mutter ist, klappt das am sanftesten, wenn Mutter und Kind das Stillen natürlich ausklingen lassen.

Und wenn die Mutter früher abstillen möchte –  womöglich auch gegen den Willen des Kindes? Wie geht sie am sanftesten vor?

Das Stillen natürlich ausklingen zu lassen, gelingt meist nur bei Kindern, die mindestens das erste Lebensjahr vollendet haben. In diesem Alter wollen Kinder dann weniger aus Hunger gestillt werden, sondern mehr, um die Nähe der Mutter zu spüren. Deshalb ist es dann wichtig, dem Kind die Brust nicht mehr aktiv anzubieten, aber auch nicht zu verweigern.

Kinder lieben es, wenn man sich in dieser Phase intensiv mit ihnen beschäftigt und sie durch Kuscheln weiterhin viel Körperkontakt haben. Bei Kindern unter einem Jahr muss das Abstillen meist aktiv von der Mutter ausgehen, da viele Babys in dem Alter noch ein starkes Saugbedürfnis haben. Für die Umstellung auf die Fütterung mit der Flasche sollte auf jeden Fall ausreichend Zeit eingeplant werden.

Was ist die häufigste Frage, die Ihnen im Alltag als Stillberaterin begegnet?  

Eine Frage, die mir ständig gestellt wird, ist, wie man das Wundwerden der Brustwarzen verhindern kann und was Linderung verschafft, wenn sie bereits wund sind. Aus meiner Erfahrung als Hebamme weiß ich, dass das meist an einer falschen Stillposition liegt. Das Baby muss das Trinken an der Brust erst lernen, die Mutter das richtige Anlegen des Babys an der Brust und die verschiedenen Stillpositionen trainieren.

Deshalb sind gerade in der Anfangszeit Rat und Unterstützung von einer Fachperson absolut entscheidend. Wichtig ist, dass der Körper des Kindes – Kopf, Schultern und Hüften – eine gerade Linie bilden und die Brustwarze der Mutter in Richtung von Babys Nasenspitze zeigt. Das Baby sollte seinen Mund möglichst weit öffnen, sodass es die Brustwarze und einen möglichst großen Teil des Warzenhofes erfassen kann.

Sollte eine Mutter bereits wunde Brustwarzen haben, muss die Stillpositionen optimiert und andere Faktoren wie ein zu kurzes Zungen- oder Lippenbändchen beim Baby ausgeschlossen werden. Die weitere Behandlung hängt ganz vom Einzelfall ab. Zeitweises Abpumpen, Stillen mit Brusthütchen oder auch spezielle feuchte Wundauflagen können helfen. 

Wo findet eine Stillende im Notfall Rat und Hilfe?

Ihre Hebamme, die Stillberaterin oder der Frauenarzt sollten immer die erste Adresse bei Problemen sein. Diese Fachpersonen können Soforthilfe vor Ort und 1:1 Betreuung leisten. Auf keinen Fall sollte sich die Mutter in Internetforen verrückt machen lassen!