Was raten Sie als Facharzt für Kinder-und Jugendheilkunde schwangeren Frauen und Müttern hinsichtlich der Ernährung ihres Kindes?

Ganz allgemein werden die ersten 1000 Tage im Leben eines Kindes als „Zeitfenster der größtmöglichen Chancen“ gesehen. Dieser Rahmen reicht von der beginnenden Schwangerschaft über die Säuglingsphase bis zum zweiten Lebensjahr eines Kleinkindes.

Bereits hier werden die Grundsteine für die kindlichen Ernährungsvorlieben und Geschmäcker getroffen, indem eine erste sogenannte sensorische Prägung in der Schwangerschaft durch das Essverhalten der Mutter stattfindet. Isst eine Frau aufgrund beispielsweise extremer Schwangerschaftsübelkeit oder Unwissenheit einseitig, kann dies Konsequenzen auf das Ernährungsverhalten ihres zukünftigen Kindes haben.

Auch eine hohe Gewichtszunahme der Mutter während der Schwangerschaft und damit verbunden eine etwaig erhöhte Insulinkonzentration im Blut wirken durch das Fruchtwasser auf das Kind. Eine durchschnittliche Gewichtszunahme von 12 bis 13 kg ist ein Richtmaß für eine gesunde Schwangerschaft.

Wie kann die spätere Ernährung eines Kindes positiv beeinflusst werden?

Bereits in der Schwangerschaft sollte die Vielfalt in der Ernährung ein Thema sein. Bevor aber krampfhaft auf spezifische Nährstoffe geachtet wird, macht es mehr Sinn beim Einkauf so viele Farben wie möglich bei der Obst- und Gemüseauswahl abzudecken.

Ob ein Kind später beim Essen wählerisch ist oder nicht, ist mitunter durch diese vorangegangene, breite Ernährungspalette erklärbar. Außerdem kann die Mutter durch Qualität und Quantität der ausgewählten Lebensmittel auch ihr Gewicht und somit die Gesundheit ihres Kindes beeinflussen. Natürlich sollte in diesem Kontext auch auf ausreichend Bewegung und das Vermeiden von Rauchen als „Nähstoffdieb" geachtet werden.

Muttermilch gilt als einer der wichtigsten frühkindlichen „Programmierer“. Gibt es eine optimale Stilldauer oder entsprechenden Ersatz, wenn man nicht stillen kann?

Prinzipiell ist es optimal, mindestens fünf bis  sechs Monate ausschließlich zu stillen, das heißt frühestens ab dem fünften Monat mit Beikost zu beginnen. Natürlich kann und soll darüber hinaus so lange gestillt werden, wie es Mutter und Kind beliebt. Häufig wird der Beginn der Beikost aber als der Umkehrschluss zum Stillende missverstanden.

Das Weiterstillen ist jedoch durchaus relevant, da die Muttermilch eine ungeheure Quelle an Inhaltsstoffen bietet. Auch die sensorische Prägung läuft über diese erste Form der Ernährung. Darüber hinaus akzeptieren gestillte Kinder neue Geschmacksrichtungen bei der Beikosteinführung besser, auch wenn sie mit diesem Geschmack durch die Muttermilch noch nicht konfrontiert wurden.

Kann eine Frau nicht oder nicht ausreichend stillen, bietet Säuglingsanfangsnahrung einen optimalen Ersatz und Unterstützung. Der Standard dieser Flaschenkost ist sehr hoch und unterliegt strengen EU-Kriterien.

Die Einführung der Beikost ist demnach eine sehr sensible Phase. Was gilt es besonders zu beachten?

Neben der ersten sensorischen Prägung durch das Ernährungsverhalten der Mutter in der Schwangerschaft kann diese Phase ab dem fünften Monat im Leben eines Kindes ebenfalls prägend sein. Hier sind zwei Aspekte essentiell: Einerseits sollte wieder auf bunte Vielfalt beim Obst und Gemüsekonsum geachtet werden.

Die Französinnen füttern ihre Kinder bereits relativ früh mit allerlei Gemüsesorten wie zum Beispiel Auberginen, Karotten, Brokkoli oder Pastinaken. In Österreich und Deutschland herrschte dagegen lange Zeit eine große Zurückhaltung, um Allergien entgegenzuwirken. Diese falschen Empfehlungen sind heutzutage überholt, denn unterschiedlichste gustatorische Erlebnisse in den ersten Wochen und Monaten sind unerlässlich für ein breites Ernährungsverhalten. Was wir Kinder füttern, beeinflusst, was sie später mögen.

Man sollte sich aber nicht von einer anfänglichen Ablehnung des Kindes bei einem neuen Geschmack abschrecken lassen. Wiederholungen und liebevolle Beharrlichkeit in Form von beispielsweise einer anderen Zubereitungsform sind wichtig. Je nachdem, ob das Kind den Geschmack in der Schwangerschaft schon kennengelernt hat oder nicht, wird es mehr oder weniger Wiederholungen brauchen.

Andererseits darf auch die Vorbildfunktion der gemeinsamen Tischkultur nicht unterschätzt werden, wie zum Beispiel das ausreichende Trinken von Wasser oder eine gesunde und positive Einstellung zum Essen. Ist bei Tisch die Atmosphäre derart spannungsgeladen, dass man die Luft schneiden kann, wird das Kind kaum Interesse an dieser Esskultur entwickeln.