Hat jedes Kind ein Saugbedürfnis? Und wenn ja, warum eigentlich?

Klar hat jedes Kind ein natürliches Saugbedürfnis. Wenn es das nicht hätte, wäre das ein sehr großes Problem. Denn das Saugbedürfnis ist nichts anderes als ein Überlebensreflex. Ich habe in meiner dreißigjährigen Berufslaufbahn aber zum Glück noch nie erlebt, dass ein Kind nicht saugt. Das Saugen ist ein angeborener Reflex, der schon im Mutterleib mit den eigenen Fingern oder Zehen trainiert wird. Und wenn das Baby dann auf die Welt kommt, hat es mit der Energie des Mutterkuchens nur ein paar wenige Stunden Reserve bis ein massives Hungergefühl auftritt. Reifgeborene Babys (ab der 37. Woche) nach unkomplizierten Geburten können sich aus eigener Kraft vom Bauch der Mutter zum Busen hochrobben und sich eigenständig an die Brust „andocken“, sofern sie ungestört ca. 60 Minuten mit ihrer Mama sein können und nicht durch Routinemaßnahmen irritiert werden.
 

Das heißt, es geht beim Saugbedürfnis nur ums Stillen?

Nein. Ein Baby braucht das Saugen nicht nur um Nahrung, also im Idealfall Muttermilch aufzunehmen, sondern auch zur Beruhigung. Wobei das Saugbedürfnis in den ersten drei Lebensmonaten besonders groß ist. Und das nur am Busen zu befriedigen, ist für jede Mutter eine große Herausforderung. Besonders für Zwillingsmütter ist das oftmals nicht zu bewerkstelligen. Und da kommt der Schnuller ins Spiel. Ich habe selbst Zwillinge, mittlerweile schon 23 Jahre alt, und ich hätte es ohne Schnuller niemals geschafft, sie 7 Monate lang zu stillen. Weil es ja nicht nur der Hunger ist, sondern vor allem die Beruhigung zwischen den Stillmahlzeiten, die so wichtig ist.

Also sollte man schon einen Schnuller verwenden?

Ich finde, ja. Denn meistens erwischen Babys, wenn sie keinen Schnuller haben, nur den Daumen. Und das ist auf Dauer gar nicht gut für Zähne und Kiefer. Auch rechnen viele Frauen, gerade jene, die voll stillen, nicht mit dem teilweise extremen Saugbedürfnis ihres Babys. Von 24 Stunden könnten viele Kinder sicherlich 18 Stunden nur saugen. Denn es saugt ja sogar während des Schlafens.

Also können Schnuller auch dabei helfen, das Stillen zu verlängern?

Genau. Gerade in den ersten 14 Tagen kommt es oft zu Problemen, da die Brustwarzen ja an sich schon sehr empfindlich sind. Da eine Stillmahlzeit an einer Brust bis zu 40 Minuten dauern kann, kommt es dann häufig zu entzündeten und wunden Brustwarzen. Was dazu führt, dass viele Frauen nicht mehr weiterstillen. Wenn ein Baby bereits gelernt hat, an der Brust zu saugen und saugfreudig ist, dann ist es nach meiner Ansicht völlig ok, wenn eine Mutter stillt und parallel auch einen Schnuller benutzt, um das Baby zu beruhigen.

Gibt es bestimmte Merkmale, auf die man achten sollte, wenn man einen Schnuller kauft?

Wichtig ist, dass ein Schnuller ohne Schadstoffe und chemische Weichmacher ist. Billige Produkte von fragwürdigen Firmen aus China oder aus dem Internet sollte man gänzlich meiden. Zudem sollte ein Schnuller unbedingt dem Alter des Babys entsprechen. Ich kann nicht einem sechs Monate alten Kind einen Schnuller geben, der für bis zu zwei Monate alte Säuglinge gemacht ist. Und dann geht es noch um die richtige Form des Schnullers. Das Ansatzstück vom Saugteil zum Schild muss meiner Ansicht und auch nach Meinung der Logopäden ganz schmal sein, um den vollständigen Lippenschluss zu gewährleisten und dadurch eine optimale Kieferentwicklung zu ermöglich. Sodann steht einer guten Sprachentwicklung nichts mehr im Wege. Auch ist mir aufgefallen, dass es viele Kinder etwa ab dem Alter von einem Jahr lustig finden, den Schnuller im Mund zu drehen. Ist das Saugteil aber unten abgeflacht, wie es bei vielen Schnullern der Fall ist, passt das für den Gaumen nicht mehr. Das Saugteil sollte deshalb im Idealfall oben und unten gleich geformt sein. Denn dann ist es egal, ob das Kind den Schnuller im Mund dreht oder nicht.

Das Material des Schnullers ist egal?

Ob man Saugteile aus Latex oder Silikon nehmen soll, ist auch in Fachkreisen sehr umstritten. Grundsätzlich hat Latex den Vorteil, dass Kinder mit Zähnen das Saugteil absolut nicht abbeißen können. Ich empfehle aber den meisten Müttern Silikon. Denn Saugteile aus Silikon schauen sehr viel länger schön aus Latex-Teile. Auch sollte man den Schnuller spätestens nach drei bis vier Monaten auswechseln. Und relativ frisches Silikon lässt sich auch nicht abbeißen. 

Wie lange sollten Kinder einen Schnuller haben?

Im ersten Lebensjahr können Kinder ruhig einen Schnuller haben, da spricht von meiner Seite aus absolut nichts dagegen. Aber man muss den Schnuller auch mit Intelligenz anbieten. Zusammengefasst würde ich sagen, im ersten Jahr uneingeschränkt, im zweiten Jahr nur noch als Hilfe zum Schlafen und zum Trost und dann abgewöhnen. Und da sieht man es wieder: Man kann den Schnuller weggeben. Den Daumen aber nicht.