Zum Einstieg eine Frage, die unter anderem Eltern, Bildungsinstitutionen, Forschung und auch Politik seit Jahrzehnten intensiv beschäftigt: Wie können Kinder am besten lernen?

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen, die dadurch lernen, dass sich die Verknüpfungen zwischen ihnen gebrauchsabhängig verändern. Kleine Kinder müssen die Dinge ergreifen, um sie zu begreifen! Es ist nachgewiesen, dass die sensomotorische Entwicklung entscheidend für die Entwicklung höherer geistiger Leistungen ist. Aus dem gerade Gesagten folgt zunächst einmal eines ganz automatisch, dass täglich 7,5 Stunden Mediennutzung durch Kinder und Jugendliche eines nicht haben können: Keine Auswirkungen!

Könnten Sie Ihre Aussage bezüglich der digitalen Mediennutzung präzisieren?

Die Handgriffe zum Benutzen der verschiedensten Dinge in der Welt lernt ein Kind nicht, wenn es mit immer gleicher Handbewegung über eine Glasoberfläche wischt. Das ist vielmehr eine maximale Einschränkung des Erlernens sensorischer und motorischer Fähigkeiten. Man muss deshalb vor der Benutzung von Tablets im Kindergartenalter warnen, denn jegliche höheren geistigen Leistungen bauen auf Sensorik und Motorik auf! Und wenn dieses Fundament des Geistes schwach ist, können höhere geistige Leistungen kaum ausgebildet werden!

Inwiefern können Kinder mit Hilfe von Spielen in ihrem Lernprozess gefördert werden?

Allgemeine Fähigkeiten lernt man immer nur anhand einzelner Erfahrungen. Daher ist Spielen in der Kindheit so wichtig. Sogar die Gehirnfunktion des Wollens ist das Ergebnis tausender kleiner Lernerfahrungen. Ein junger Mensch will ständig etwas, weil er Spaß daran hat: Toben, Singen, Klettern, Malen, jede Form von Spielen. Er wird sich dabei anstrengen und Mühe geben, gerade weil das alles Spaß macht! Es geht jeweils darum, ein Ziel zu haben und durchzuhalten, bis es erreicht ist.

Das heißt, beim Spielen geht es auch um Zielstrebigkeit und Durchhaltevermögen?

Wer auf einen Baum klettern will, der hat seinen Spaß, wenn er oben ist! Hat er nämlich sein Ziel erreicht, freut er sich und ist stolz! Das Ziel vor Augen und die Vorfreude darauf helfen ihm dabei, seine Willenskraft auszubilden. So lernt er in tausenden solcher Erfahrungen: Ich habe mir etwas vorgenommen und kann es auch erreichen. Das Wollen und unabgelenkte Durchhalten wird also genau so trainiert wie das Laufen, in tausenden kleinen Schritten.

Daraus ergibt sich auch, dass aufmerksames Durchhalten, sein Ding zu machen, nicht erlernt wird, wenn man dauernd nur reagiert, etwa auf die nächste Nachricht von seinem Smartphone.

Welchen Stellenwert hat Spielen für die Ausbildung von Kreativität?

Kreativität hat zwei Voraussetzungen: zum einen muss man sehr viel wissen, um dieses Wissen dann neu zu kombinieren. Die Aneignung von Wissen erfolgt durch Lernen und das geht am besten, wie ich es gerade beschrieben habe. Gestatten sie mir eine Nebenbemerkung: Kreativität hat mit dem Beschmieren weißer Wände mittels Fingerfarben nichts, aber auch gar nichts zu tun! „Einfach etwas machen“ ebenfalls nicht. Kreativität ist vielmehr immer notwendig mit einer sehr guten Kenntnis eines Problems verknüpft, was nur dann gelöst werden kann, wenn man viel weiß!