Univ. Prof. Dr. Reinhold Kerbl
Präsident der ÖGKJ und Primar der Abteilung für Kinder und Jugendliche am LKH Leoben

Liebe Leserinnen und Leser!

Als derzeitiger Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ) darf ich Ihnen ein paar Gedanken mitgeben als Vorwort zur Kampagne „Kinder- und Jugendmedizin“. Wenn man vom Kinderarzt spricht, denkt man automatisch an Babies und Kleinkinder.

Tatsächlich ist das Spektrum des Kinder- und Jugendmediziners sehr viel breiter und reicht vom 400 Gramm schweren Frühgeborenen bis zum (manchmal) 120 kg schweren übergewichtigen Jugendlichen. Für diese Bevölkerungsgruppe von 0-18 Jahren bietet die Pädiatrie (so heißt unser Fach in der wissenschaftlichen Bezeichnung) einerseits die Basisversorgung (wie Impfungen, Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen), aber auch sehr spezialisierte Behandlungen, z.B. bei kindlichem Rheuma oder Krebserkrankung.

Fehlende Impfmoral

Die klassischen Kinderkrankheiten (z.B. Kinderlähmung) sind in den letzten Jahrzehnten stark zurückgedrängt worden, wozu v.a. die Schutzimpfungen beigetragen haben. Und es ist gleichzeitig bedauerlich, dass wir uns heute durch gesunkene Impfmoral wieder mit fast schon „ausgestorbenen“ Erkrankungen (z.B. Masern) konfrontiert sehen. Als Kinder- und Jugendärzte ist es uns nämlich ein Anliegen, nicht nur Erkrankte bestmöglich zu behandeln, sondern - wann immer möglich – Erkrankungen überhaupt zu verhindern. Die sogenannte Prävention ist eines unserer wichtigsten Anliegen und der österreichische Mutter-Kind-Pass (der 1974 eingeführt wurde und heuer 40 Jahre alt wird) ist ein sehr gelungenes Beispiel wirksamer Vorsorgemedizin.

Umfeld ist entscheidend

Wenn Kinder und Jugendliche dennoch erkranken, ist die altersgerechte Behandlung besonders wichtig. Der Spruch „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen“ wird meines Erachtens zwar viel zu oft strapaziert, ist aber in der Tat zutreffend. So kann man z.B. bei der medikamentösen Therapie nicht einfach nach Körpergewicht herunterrechnen, sondern muss auch bedenken, dass Kinder Medikamente zum Teil ganz anders aufnehmen und abbauen als Erwachsene.

„In der Pädiatrie befassen wir uns sowohl mit 400 Gramm schweren Frühgeborenen als auch mit 120 kg schweren Jugendlichen.“

Gleich wie in der Erwachsenenmedizin brauchen spezielle Erkrankungen auch spezielle Behandlungen und damit entsprechend spezialisierte Kinder- und Jugendärzte. Diese Sonderbeilage gibt Ihnen einen kleinen Einblick in die Möglichkeiten moderner Diagnostik und Therapie.

Medikamentöse Therapie ist dabei nur ein Teil der Wahrheit. Von zunehmender Bedeutung sind psychische, psychosomatische und sozial bedingte Störungen, bei denen anstelle von Medikamenten die Problemsuche, die therapeutische Intervention, v.a. aber auch die Zuwendung des Umfeldes Besserung bringen. Das Eingehen auf Kinder, Jugendliche und deren Familien ist essentieller Bestandteil unsere täglichen Arbeit und unverzichtbar für eine entsprechende Vertrauensbasis.

Persönlich betrachte ich es als besonderes Privileg, mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und dazu beitragen zu dürfen, dass sie gesund groß werden. Und ich bin dankbar, dass wir Kinderärzte mit dieser Sonderbeilage Gelegenheit bekommen, Sie ein wenig in unseren Alltag mitzunehmen.