Alice Wellinger
Die Autorin und Illustratorin wurde heuer mit dem österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet.

Eine von der Konrad Adenauer Stiftung in Auftrag gegebene Studie kam 2007 zu dem Ergebnis: Elternschaft bedeutet heutzutage größerem Druck ausgesetzt zu sein als noch vor einigen Jahren. Galt es früher als Ziel normale, gesunde Kinder großzuziehen, ist dieses dem gesellschaftlichen Diktat gewichen „glückliche“ Kinder zu haben. Das allerdings unter den veränderten Voraussetzungen, dass Ehe und Kinder nicht mehr als Statussymbol gelten und sich nur noch eine von 10 befragten Frauen vorstellen können, sich ausschließlich um Haushalt und Kinder zu kümmern. 

Doch auch für Kinder sind die unbeschwerten Zeiten scheinbar vorbei. Fast die Hälfte der österreichischen Schulpflichtigen leiden laut Angabe der Eltern im Rahmen unter Leistungsdruck in der Schule. Und das in einer so genannten „kontrollierten Kindheit“, in der die Youngsters rund um die Uhr telefonisch erreichbar sind und nicht wie die „Kinder von Bullerbü“ ihre Tage weitgehend selbstbestimmt und aus dem Moment heraus gestalten.

Der Schlüssel zum Verständnis liegt in der Erinnerung

Die Autorin und Illustratorin Alice Wellinger, die 2012 mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde, hat selbst zwei Töchter und ihren Weg in Erziehungsfragen gefunden. Ihr zufolge könne jeder Kinder besser und intuitiver verstehen lernen, »indem wir uns in die eigene Kindheit zurückversetzen und uns erinnern: Was hat mich als Kind besonders gekränkt, gefreut oder motiviert?«. Anstatt Kinder in ihrer Freizeit zu „überfördern“, sollte man den Nachwuchs aufmerksam beobachten, ist die Illustratorin überzeugt. Denn wer unabhängig von den eigenen Wünschen wahrnimmt, wo Freude und Stärken des Kindes liegen, kann es darauf hinweisen und ihm den Raum und die Möglichkeit geben, sich in dieser Richtung weiter zu entfalten. Ganz ohne Druck, selbstmotiviert.

Stärken stärken anstatt Schwächen fokussieren

Für Alice Wellinger ist diese Haltung vor allem auch deshalb wichtig, weil das jetzige Schulsystem ihrer Meinung nach keine besonders gute Methode darstellt, um das Selbstvertrauen für ein späteres Berufsleben zu stärken. Sie sagt: »Ziel ist das Mittelmaß. An Originalität, Kreativität und besonderen Talenten herrscht kein Interesse, auf Fehlern und Unzulänglichkeiten von Kindern wird jedoch herumgeritten.« Dabei ist es heute wichtiger denn je seine eigenen Stärken zu kennen und auszubauen. Denn eine der bedeutsamsten Entscheidungen im Leben ist die Berufswahl, über die ein wesentlicher Teil der Selbstdefinition ausgedrückt wird.

Den Nachwuchs beobachten

Seitdem Berufe nicht mehr vererbt werden, ist auch die Verantwortung für die eigene Berufswahl und den Erfolg auf den einzelnen übergegangen. Umso wichtiger ist es, dass Eltern ihren Nachwuchs schon früh beobachten. Denn Studien haben herausgefunden, dass unsere echten Talente und Neigungen schon im Kindergartenalter festgelegt sind und zu dieser Zeit auch am besten erkennbar. Denn wenig später steigt das Nachahmungsverhalten und der Einfluss von äußeren Faktoren. 

Die Illustratorin ist sich sicher, dass an dieser Erkenntnis etwas dran ist: »Wenn ich den Blick in meine eigene Vergangenheit richte, sehe ich eine 5-jährige stapelweise Blätter vollzeichnen. Dass ich das noch weiß, habe ich meinem liebevollen, feinsinnigen Vater zu verdanken, der alle meine Zeichnungen in Schachteln sammelte.« Und was haben Sie gemacht, als sie noch ausschließlich taten, was Ihnen Spaß gemacht hat?