Schweissige Hände oder ein mulmiges Gefühl im Bauch kennt jeder. Wenn solche Symptome krankhaft werden, dann spricht man von psychosomatischen Störungen. Auch Kinder und Jugendliche kann das betreffen, so Prof. Dr. Thomas Frischer vom Wilhelminenspital in Wien.

Wie entstehen psychosomatische Störungen?

Psychische Beschwerden begleiten uns unser Leben lang. Magenschmerzen, Schweissausbrüche oder Herzklopfen sind nichts ungewöhnliches, wenn wir vor einer Herausforderung stehen. Das sind Leiden am Leben, die wir alle tragen.

Wenn der Leidensdruck aber zu gross wird und die eigenen Ressourcen oder Stützen im Leben, wie etwa die Eltern, Geschwister oder Freunde, versagen, dann dekompensiert das System und die Symptome werden krankhaft.

Wie häufig sind psychosomatische Symptome bei Kindern und Jugendlichen?

Dazu gibt es leider keine umfassenden Zahlen, es kommt immer darauf an, was wir schon als psychosomatische Störung bezeichnen. Kinder, die vor einer Prüfung Bauchweh bekommen, haben ja quasi schon psychosomatische Symptome.

Die Frage ist ab wann man von krankhaften Symptomen sprechen kann. Diese sind dann vorhanden, wenn die Kinder sozial auffallen. Wenn der Schulgang beispielsweise nicht mehr möglich ist, wenn sie nicht mehr in der Lage sind normale Kommunikation aufzunehmen oder kein geregeltes Leben mehr möglich ist. Bei jungen Erwachsenen zählen hier oftmals auch Essstörungen dazu.

Welches sind die häufigsten Störungen?

Die Essstörungen gehören zu den häufigsten, dicht gefolgt von den Sozialisierungsstörungen, zu denen Schulangst oder -verweigerung und gestörtes Sozialverhalten zählen. Erstere können in jedem Lebensalter auftreten, sind aber bei jugendlichen Mädchen am häufigsten.

Junge Frauen mit Bulimie (heimliches oftmaliges und absichtlich herbeigeführtes Erbrechen) haben eher eine sozial angepasste Persönlichkeit, während eine gehemmte Aggression sich als Anorexie äußern kann. Jungs sind seltener essgestört, die fallen anders auf, werden etwa aggressiv.

Wie erkennt man psychosomatische Krankheitsbilder?

Oftmals werden nicht die Familien auf psychosomatische Krankheitsbilder ihrer Kinder aufmerksam, sondern der Lehrer oder die Schulbehörde. Bei den Eltern ist oft kein Krankheitsbewusstsein vorhanden, denn das Kind ist ja meist Symptomträger für die Probleme innerhalb der Familie.

Eine normale, mit der Pubertät auftretende Autonomieentwicklung des Kindes die den Eltern als „Rebellion“ erscheint, ist bei der psychosomatischen Erkrankung gestört und daher schwerer erkennbar. Oft sind die Kinder sehr angepasst und „brav“.

Die Hemmung einer normalen Entwicklung führt zur „Somatisierung“. Das Kind fällt durch körperliche Beschwerden auf, für die scheinbar keine Ursache zu finden ist und zu vielen Arztkontakten und sinnlosen Durchuntersuchungen führen.

Wie werden psychosomatische Erkrankungen bei Kindern behandelt?

Das kommt aufs Alter an. Es gibt Säuglinge mit psychosomatischer Erkrankung, die dann nichts mehr essen. Das kann so weit gehen, dass sie mit einer Sonde ernährt werden müssen. Diese Extremfälle kommen ins Spital. Hier handelt es sich oft um eine Interaktionsstörung.

Die Mutter wurde vielleicht von ihrer Mutter ständig geschoppt und zwingt dann ihr Kind unbewusst dazu, ständig zu essen. Mit einer Videoanalyse und im Gespräch kann man der Mutter zeigen, was falsch läuft. Manchmal bleiben Kinder für eine längere Zeit stationär und erhalten alle Möglichkeiten der Psychotherapie. Medikamente werden seltener eingesetzt.

Der Ansatz muss auf jeden Fall auch immer ein familientherapeutischer sein. Oftmals wachsen die Betroffenen in Familien auf, die sehr leistungsorientiert sind. Nach Aussen sehen sie ganz perfekt aus, doch die Kinder halten dem Druck nicht stand. Dann werden diese auch mal zwischen drei und sechs Monaten stationär in spezialisierten psychosomatischen Kliniken aufgenommen wo sie zusammen mit anderen Betroffenen in einem therapeutischen setting Autonomie und ein gesundes soziales Verhalten entwickeln können.