Meine herzlichen Glückwünsche zu Ihrem heutigen 84. Geburtstag! Ich kenne Sie nicht persönlich, Frau Dell’Orefice. Fast alles, was ich über Sie weiß, weiß ich aus zweiter Hand. Ich habe es gesehen, gehört oder gelesen. Ich sehe Sie in bewegten oder starren Bildern, aufgenommen von Kameras, durch die teils legendäre Fotografen Sie betrachteten. Ich weiß, dass ich Sie dabei mit eigenen Augen sehe, jedoch zugleich immer auch mit den Augen derer, die eine zumeist inszenierte Momentaufnahme Ihres schönen Seins festgehalten haben.

Ich lese Berichte über Sie, Interviews mit Ihnen. Als Journalistin weiß ich: Die niedergeschriebenen Porträts und Gespräche tragen auch immer die Handschrift ihres Verfassers. Ich höre sie sprechen und weiß, dass Ihre konservierte Rede zunächst Ihrem Gegenüber galt – und ich nur ein weiterer Zuhörer bin. Dennoch möchte ich Ihnen sagen, dass Sie mich über die Medien hinweg berühren. Mehr noch, dass Sie mein Leben mit etwas Schönem bereichern: Ihrem Vorbild!

Alter schließt Schönheit nicht aus!

Das sind Sie allerdings nicht nur wegen Ihrer Schönheit, gleichwohl ich diese in ihrer Außergewöhnlichkeit bewundere. Nein, mein Vorbild sind Sie vor allem, weil Sie mir zeigen, dass ich, heute gerade mal halb so alt wie Sie, das Alter nicht zu fürchten brauche.

Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich habe keine Angst vor Falten, grauen Haaren und der Schwerkraft folgenden Brüsten. Ich fürchte viel mehr als die sichtbaren Zeichen der Vergänglichkeit den Verlust an Wertschätzung, den mir das Alter bescheren könnte. Meine eigene Wertschätzung und die anderer. Die Angst fegen Sie jedoch großteils von der Bildfläche. Denn Sie vermitteln trotz all der genannten multimedialen Quellen ein auf mich authentisch wirkendes Bild, das zeigt, dass Wertschätzung und Alter einander nicht ausschließen. Weil Sie sich selbst zuallererst wertschätzen und dabei realistisch sind.

Das entnehme ich beispielsweise der Antwort, die Sie vor einigen Jahren der Süddeutschen Zeitung (SZ) gaben, als Sie gefragt wurden, ob Ihre Falten Sie nicht störten: „Überhaupt nicht, solange ich genug Geld auf dem Konto habe und die Jobs nicht ausbleiben. Nur wennʹs zu hässlich wird – das Bild einer hässlichen Alten will ich nicht abgeben. Sondern das einer alten Frau, die nach wie vor begehrenswert ist.“

Verantwortung dem Körper gegenüber

Die im selben Interview geäußerten Worte, dass Sie Ihre Schönheit den Knochen Ihres Vaters („… sind die nicht wunderbar?“) verdankten, und Sie nur darauf aufpassten, verstehe ich als einen Pakt, den Sie mit Ihrem Körper geschlossen haben. Sie übernähmen demnach zwar notgedrungen die Verantwortung für ihn, da Ihnen bewusst sei, dass Sie nicht arbeiten könnten, wenn Ihr Körper verkäme. Dennoch zolle ich Ihnen meinen größten Respekt dafür, wie Sie diese Aufgabe lösen. Ich mag Ihre Art, das vermeintlich Unabänderliche nicht als unabänderlich hinzunehmen: „Schönes gehört nun mal restauriert“, sagten Sie der SZ auch noch. Ganz nebenbei: Danke für diese ehrliche Antwort!

Und das Restaurieren im Sinne von Ausbessern ist eine Aufgabe, die sich jeder von uns zu eigen machen sollte, in dem ihm erträglichen Ausmaß selbstverständlich. Alter schließt Schönheit nicht aus! Und Schönheit nicht das Alter! Wer anders denkt, schätzt sich selbst wohl zu wenig. Sie zeigen mir, dass es bis weit in die 80er Lebensjahre gelingen kann, sich trotz Gebrechen - die Ihren würden ein „ganzes Buch füllen“, sagten Sie der Süddeutschen – wertzuschätzen und zu pflegen. Sich selbst zu disziplinieren. Und sich daraus resultierend attraktiv zu zeigen – und sogar beruflich noch erfolgreich zu sein.

Wertschätzung und Bewunderung

Carmen, unzählige Interviews und Artikel zeugen davon, dass man Sie wertschätzt, weil Sie sind, wer und wie Sie sind. Bitte machen Sie weiter so und erzählen Sie uns Jüngeren immer wieder, warum Sie das tun!

Mein Geburtstagsbrief ist sicher nur einer unter vielen. Ich danke Ihnen dafür, dass Sie - ohne es zu wissen - mein Vorbild sind. Sie machen mir den Mut, der die Ängste vor dem Alter in den Schatten zu stellen vermag.

Ich trete Ihnen heute mit einem „Gefällt mir“ auf Ihrer Facebookseite näher und ziehe mich dann wieder in die Reihe Ihrer stillen Bewunderer zurück. Leben Sie schön! Ihre Doreen Brumme.