Samy Molcho ist 76 Jahre alt. Kaum zu glauben, wenn man ihn persönlich kennenlernt. Er sprüht vor Lebensfreude und Tatendrang, wie es sich manch Jugendlicher wünschen würde. Wir trafen den Pantomimen und Körpersprache-Spezialisten und seine Frau Haya im Neni im Zweiten – einem von drei Gastronomiebetrieben, das die erfolgreiche Unternehmerhin mit drei ihrer Söhne gemeinsam führt.

Lassen Sie uns über das aktive Altern sprechen. Was bedeutet das für Sie? Wann ist man alt?

Samy: Alter fängt im Kopf an, egal wie alt man ist. Wenn man glaubt: Ich weiß schon alles, es gibt nichts Neues, man kann mich nicht mehr überraschen.

Haya: Alter ist vor allem die Beweglichkeit der Gedanken. Es ist nicht nur das Körperliche. Es geht darum, das Gehirn dauernd neugierig zu machen, Hobbies zu haben und sich mitzuteilen. Meine Tante zum Beispiel hat mit 75 angefangen das Arbeiten am Computer zu erlernen.

Was ist das Geheimnis dahinter? Wie bewahrt man sich Neugier und Lust an der Aktivität?

Samy: Liebe. Und ich würde das in einer breiteren Skala sehen. Weil es ist nicht nur die Liebe zum Partner und der Partnerin oder den Kindern, sondern Liebe zum Leben. Ich sitze hier im äußeren Teil des Lokals sehr gerne, weil ich es genieße, diesen Baum anzusehen. Um ihn richtig zu genießen, muss man ihn lieben und nicht gleichgültig sein. Das ist der Unterschied. Wenn du einfache Dinge lieben kannst, dann liebst du gleichzeitig das Leben.

Haya: Wir haben ja vier Söhne und gemeinsam zwei Firmen – das NENI und den Tel Aviv Beach. Und der Slogan ist: „Life is beautiful!“ Ich glaube, das ist gerade bei uns in der Familie ein sehr starkes Wort – die Liebe. Liebe zum Detail, Liebe zum Menschen, Liebe zu Freunden, Liebe zu dem, was du tust. Das hat auch etwas damit zu tun, einfach glücklich zu sein. Egal wie lange du lebst.

Oft wird davor gewarnt einen Familienbetrieb zu gründen. Wie funktioniert das generationenübergreifende Arbeiten bei Ihnen?

Haya: Es ist nicht immer leicht. Für mich war es ein großer Lernprozess. Das Glück war, dass wir mit NENI gemeinsam begonnen haben. Denn jeder von uns – und ich glaube, Familienbetriebe können nur so funktionieren – hat seinen Bereich. Das heißt, ich kümmere mich mehr um das Essen, Nuriel vor allem um Marketing und Events, Elior vermehrt um das Personal und Ilan um die Steuer und Finanzen. Und wenn jeder jeden dafür respektiert, was er macht, dann kann so etwas funktionieren.

Für mich als Mutter bedeutet das auch Neuerungen zu akzeptieren, ohne gleich einzugreifen, sonst gebe ich ihnen keine Chance sich selbst zu beweisen. Ich liebe es, mit jungen Leuten zusammen zu sein, weil ich dauernd neue Inputs bekomme. Für mich ist das eine Bereicherung und es hält mich jung.

Woran liegt es, dass das bei vielen Menschen nicht funktioniert? Dass mit zunehmendem Alter die Starrheit zunimmt und sie keine Lust mehr auf Veränderungen haben?

Samy: Das ist wahrscheinlich ein Mentalitätsunterschied. Hier sieht man „neu“ als potentielle Bedrohung und deswegen klammert man an Altem. Ich selbst habe von der Bühne Abschied genommen. Mein ganzes Leben lang war ich Künstler, Solist!

Aber ab einer gewissen Stufe fängt ein neues Leben an. Ich hatte meine Frau, vier Kinder, ich wollte nicht mehr auf der Bühne sein, denn auf Tournee sah ich die Familie oft vier Monate nicht. Es hatte sich etwas verändert in meinem Leben.

In so einem Fall kann ich nicht sagen: Ich behalte meine früheren Gewohnheiten bei. Dann ist die Veränderung störend, lästig. Wenn ich in dem einen Part etwas verändere, muss ich es auch im anderen tun. Wenn man die Zweifel beiseite legt, bietet sich immer ein Weg. Du musst es nur wollen.

Haya: Und nicht nur Angst haben.

Denken Sie, dass viele von der Angst getrieben sind?

Samy: Was die Menschen schwer können, ist loslassen. Du kannst nie wissen: Hättest du die andere Option gewählt – ob sie besser oder schlechter gewesen wäre. Es ist auch vollkommen egal. Es geht vielmehr um die Fähigkeit Entscheidungen zu treffen und zu akzeptieren. Wer dauernd an der Kreuzung steht – unentschlossen – ohne Entscheidungen zu treffen, ist im Stillstand.

Warum fällt es manchen so schwer, Entscheidungen zu treffen?

Samy: Weil die Menschen von der Schule geprägt denken, es gäbe nur EINE richtige Antwort. Das lernen sie 12 Jahre lang. Stimmt‘s? … Also! Man zeigt in der Schule nicht, dass es Optionen gibt. Nur eine richtige Antwort. Und schon hast du Probleme damit, welche Entscheidung «richtig» ist. Dabei ist es doch so: Es gibt keine falsche Entscheidung. Weil jeder Weg führt dich irgendwohin. Und wenn du sagst: Nein, der gefällt mir nicht, dann steig aus! Bis zur nächsten Kreuzung machst du einfach einen Umweg.

Das Leben ist da, um es zu leben!