Lebenslanges Lernen ist deutlich weiter zu denken als berufliche Weiterbildung, wenn es vor dem Hintergrund der deutlich gestiegenen Lebenserwartung gesehen wird. Einzubeziehen in Überlegungen zum lebenslangen Lernen ist nicht nur das mittlere, sondern auch das höhere Erwachsenenalter. Bildung im Alter, so die These, entwickelt sich vor dem Hintergrund des sozio-demographischen Wandels zu einer wichtigen Voraussetzung und Handlungsebene für ein aktives und sinnerfülltes Altern.

Bedeutung demographischen Wandels für das lebenslange Lernen

Es gilt inzwischen als weitgehend akzeptiert, dass wir uns in einer Gesellschaft des langen Lebens befinden, die einen Wandel hervorruft. Es ist ein Wandel, der das Älterwerden und das Alter sozio-kulturell neu bestimmt. Begonnen hat diese Entwicklung mit der Einführung der Rentenversicherungen Ende des 19. Jahrhunderts.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Franz Kolland
Institut für Soziologie der Universität Wien

Entstand dabei zunächst noch eine Art Restlebensphase, die als Ruhestand bezeichnet wurde, führte die gleichzeitige Verkürzung der Lebensarbeitszeit und die Erhöhung der Lebenserwartung dann dazu, die Phase nach der Verrentung mehr und mehr als eine aktive und nicht als Ruhestandsphase zu verstehen. Wenn das Altern positiv wahrgenommen werden soll, so muss ein längeres Leben von Möglichkeiten zur Wahrung der Gesundheit, zur aktiven Teilnahme am Leben im sozialen Umfeld und zur Aufrechterhaltung der persönlichen Sicherheit begleitet sein.

Von den älter werdenden Menschen wird in steigendem Maße erwartet, dass sie eigenkompetent einen aktiven Beitrag zum sozialen Leben erbringen, sei es in Form von Teilzeitarbeit auf dem Arbeitsmarkt, als Pflegearbeit in der Familie oder freiwillige/ehrenamtliche Arbeit für die Gesellschaft.Damit das gelingt, ist die Eigenkompetenz des Individuums zu erhöhen und braucht es institutionelle Bedingungen, die diese Selbstbestimmung fördern und ihr Raum geben. Hier gilt es, die Vorstellung des indischen Wohlfahrtsökonomen Amartya Sen zu verwirklichen, nämlich Menschen nicht nur zu ermächtigen, sondern auch Rahmenbedingungen zu schaffen, die ein selbstbestimmtes Handeln zulassen.

Bildung im Alter zur Stärkung der sozialen Teilhabe und der Zivilgesellschaft

Wir lernen nicht  nur, um Qualifikationen für eine bestimmte berufliche Tätigkeit zu erwerben, sondern auch, weil uns Dinge interessieren, die unser tägliches Handeln erleichtern, unser Handeln im Gemeinwesen verbessern. In diesem Sinn ist Bildung in jeder Lebensphase möglich. Das Hauptziel wäre nicht Anpassung, Integration und Rückschau, sondern die Auseinandersetzung mit Gegenwart und Zukunft.

Um die Lebensqualität älterer, gebrechlicher Menschen zu erhalten und zu erhöhen, sind ab einem gewissen Zeitpunkt zumeist Anpassungen in der eigenen sozial-räumlichen Umwelt unumgänglich. Dies kann so unterschiedliche Bereiche wie Sicherheit, Gesundheit, Mobilität oder Unterhaltung betreffen. In dieser Hinsicht ist das europäische Forschungsprogramm Ambient Assisted Living beispielhaft, in welchem diese Anpassungen untersucht und Produkte entwickelt werden.

Wirkungen durch Bildungsteilnahme

Bereits in den 1970er Jahren konnte gezeigt werden, dass sich die Lernfähigkeit nicht generell im Lebenslauf verschlechtert, sondern nur in Bezug auf bestimmte Faktoren und Inhalte. Wenn auch ältere Menschen, die sich geistig fit halten, in ihren Gedächtnisleistungen nicht an jene in ganz jungen Lebensjahren herankommen, so sind sie doch in der Lage, das Leistungsniveau deutlich jüngerer Älterer zu erreichen. Und die Alter(n)sforschung verweist auf aktivierende Effekte der Bildungsteilnahme. Dazu gehört die positive Wirkung von kontinuierlicher mentaler Stimulation auf den Erhalt guter Gesundheit.

Ein niedrigeres Bildungsniveau ist mit schwereren körperlichen Erkrankungen und Behinderungen und stärker ausgeprägten Belastungen infolge chronischer Krankheiten verbunden. Höhere Bildung senkt das Sterblichkeitsrisiko. Bildung vermittelt die Voraussetzungen für einen gesundheitsförderlichen Lebensstil. Gesundheit ist nicht ein automatischer Nebeneffekt von Wohlstand, sondern hat entscheidend mit Bildungsprozessen zu tun, die ihrerseits mit Tätigkeiten verknüpft sind. Bildung wäre demnach präventive Gesundheitspolitik.