Wie ist die aktuelle Lage hinsichtlich Diabetes in Österreich?

Wir sprechen immer von einer Diabetes-Welle, die auf uns zukommt, aber in Wirklichkeit ist es ein Diabetes-Tsunami, der Österreich, Europa und die ganze Welt überrollt! Wir schätzen die Zahl an Menschen mit Diabetes in Österreich auf derzeit 600.000. Wenn man das umrechnet, sind das ca. 10 Prozent der erwachsenen Bevölkerung und ca. 20 Prozent der älteren Bevölkerung. Das heißt jeder fünfte ältere Mensch hat bereits Diabetes! Das sind definitiv dramatische Ausmaße.

Stichwort alternde Gesellschaft: Ist in den nächsten Jahrzehnten ein Anstieg der Diabetikeserkrankungen zu erwarten?

Schätzungen zufolge werden im Jahr 2030 in Österreich ca. 800.000 Menschen mit Diabetes leben. Gleichzeitig muss man das auch ein bisschen relativieren und nicht nur negativ sehen. Wir haben deswegen so viele Betroffene, weil zwar einerseits sehr viele neue PatientInnen hinzukommen, aber auch weil wir in der Therapie so viel besser geworden sind. Zum großen Glück leben Menschen mit Diabetes heute wesentlich länger als früher – und die Menschen werden insgesamt älter. Das Alter selbst ist außerdem eine der wichtigsten Risikofaktoren für Diabetes Typ 2.

Sie haben vorhin von einem Diabetes-Tsunami gesprochen. Wie können wir damit medizinisch und gesellschaftlich umgehen?

Wir haben in Österreich ein exzellentes medizinisches System, das es sich noch leistet, jeden Einzelnen maximal gut zu behandeln. In den letzten 5-10 Jahren haben wir enorme Fortschritte in der Behandlung von Diabetes erzielt. Es ist uns durch sehr gute neue Therapien gelungen, schwere Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall deutlich zu reduzieren. Zum großen Glück gibt es nur mehr sehr selten Erblindungen durch Diabetes in Österreich. Auch die Neuzugänge an die Dialyse beginnen jetzt erstmals zurückzugehen. Das ist ein historischer Moment! Auf der anderen Seite haben wir gesamtgesellschaftlich gesehen einfach so viele neue Menschen mit Diabetes, dass das drastische Problem weiterhin besteht.

Und wie sollte man Ihrer Meinung nach nun darauf reagieren?

Zum einen hat jede einzelne Person die Verantwortung für sich selbst und muss diese auch aktiv wahrnehmen. Das zweite ist, dass wir Initiativen gründen müssen, um unsere Umwelt wieder so zu gestalten, dass Diabetes weniger wahrscheinlich wird.

Was verstehen Sie darunter?

Es muss zum Beispiel auf kurzen Strecken das Gehen wieder als einfachste Variante gelten und Stadt und Land müssen fahrradgerechter werden. Wir müssen weg vom motorisierten, fremdenergiebestimmten Antrieb und hin dazu, dass wir unsere eigene Muskelkraft verwenden. Es ist heute wesentlich leichter, billiger und schneller um die Ecke Fastfood zu besorgen, als eine qualitätsvolle, frische Nahrung. Wir wissen auch, dass Umweltgifte wie Feinstaub durchaus Diabetes verursachen können und haben die Vermutung, dass Toxine in Aludosen und Plastikflaschen das gleiche tun. Was wesentlich weniger bekannt ist: Auch Rauchen vergrößert das Risiko, an Diabetes zu erkranken, und erhöht die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen. Raucherentwöhnung sowie eine rauchfreie Umgebung wären also sehr wichtig!

Welche Initiativen sollten in Bezug auf die Prävention von Diabetes gesetzt werden?

Jeder einzelne Mensch trägt ein persönliches Diabetes-Risiko mit sich und die beste Krankheit ist jene, die sich erst gar nicht entwickelt. Deswegen sollte man von klein auf lernen, auf den Geschmack von qualitätsvollem, gesunden Essen zu kommen. Außerdem sollten wir unseren Körper spüren und merken, dass Bewegung Freude und Lust macht. Auf der großen Ebene muss es uns gelingen, unser Leben wieder ein bisschen naturnäher zu gestalten. Es soll einfach bequemer und preiswerter sein, zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Es soll günstiger sein, gesunde Nahrung anstatt krankmachende Nahrung zu kaufen. Wir brauchen wieder ein Gespür dafür, dass unser Körper so wertvoll ist und unsere gute Lebensqualität ausmacht. Denn mit einem gesunden Körper können wir das Leben genießen, mit einem kranken wird das ein bisschen schwieriger.

Haben Sie für unsere LeserInnen noch ein abschließendes, mutmachendes Statement?

Ein gesunder Lebensstil ist keine Einschränkung, sondern trägt zu mehr Lebensqualität bei. Denn wir können nur dann unser Leben maximal genießen, wenn wir psychisch und körperlich gesund und nicht durch Krankheiten eingeschränkt sind. Wir sollten unseren Körper wirklich gut schützen, liebevoll und gut mit ihm umgehen, sodass er gesund bleibt – und das möglichst lange. Spüren wir die Kraft, die von unseren Muskeln ausgeht, genießen wir den Geschmack, den naturnahe Lebensmittel uns bieten, und erfreuen wir uns auch an Ruhe- und Erholungsphasen. Das Entscheidende im Leben ist oft gar nicht, wie lange man lebt, sondern wie lange man qualitätvoll lebt.