„Ich werde noch am Totenbett über mich selbst lachen“, schmunzelt Dolores Schmidinger gleich zu Beginn des Gesprächs. Ein symbolischer Satz, schließlich war sie ihr Leben lang eine „getriebene Neurotikerin“. Und auch sonst setzten ihr Alkoholsucht und Bulimie doch einige Jahre ziemlich hart zu. Zynisch oder sarkastisch ist sie deswegen aber nie geworden.

Heute hat sie sich befreit von ihren Phobien, auch dank jahrelanger Therapie, die sie gelehrt hat, gut mit sich selbst umzugehen. „Therapie ist in meiner Generation leider ein Tabu“, beklagt sie. „Du kannst dir aber nicht selber helfen, wenn du Schuldgefühle oder Depressionen hast.“ Vielen Menschen gelingt es deshalb nicht, ihre Freiheit zu erlangen. Sie hat ihr „Schindluderleben“ jedenfalls gut überstanden: „Was soll mir noch passieren?“, lacht sie. Immerhin wird sie heuer 70 – und hat noch vieles vor. Beispielsweise steht sie im Mai im Wiener Kabarett Simpl mit „Einfach Schmidinger“ auf der Bühne.

„Das schöne am Alter ist: ich komme erst jetzt drauf, wer ich wirklich bin und was wichtig ist.“ Viele Jahre habe sie alles getan, um sich nicht mit ihrem „gestörten Ego“ auseinanderzusetzen und „vor der Verliebtheit zu flüchten“: „Ich liebe meine Kinder und Enkelkinder“, betont Schmidinger, „aber was Liebe wirklich ist, weiß ich bis heute nicht.“ Länger als vier Jahre haben ihre Beziehungen nicht angedauert, und die Liebe des Publikums ihr gegenüber sei halt doch eine sehr einseitige. „Du musst dich im Alter neu erfinden, wenn du dein Leben lang eine Berufsjugendliche warst,“ zwinkert sie. Sie schreibt sehr viel, hat drei erfolgreiche Bücher auf den Markt gebracht und plant eine Fortsetzung ihrer „erotischen Memoiren“. Schreiben und Schauspielen macht glücklich, auf der Bühne zu stehen sei wie Magie. „Alles Kreative bringt Glück“, ist sich die Bestseller-Autorin sicher.

Hat Zeit im Alter eine andere Bedeutung bekommen? "Mit Sicherheit", betont Schmidinger. Sie ist schneller geworden. Den „Altersschock“ hatte sie bereits mit 60. Seit sie nicht mehr so intensiv auf Beziehungssuche ist, ist es insgesamt angenehmer geworden. „Ich habe brachial geflirtet und zu viele Signale an das andere Geschlecht gesendet. Und trotzdem ich eine attraktive Frau bin, will ich mir aber keinen Korb mehr holen.“ Was ihre physischen Veränderungen und ihre Gesundheit anbelangt, so hatte sie in der Vergangenheit alles ignoriert. „Wenn du eine Hauptrolle spielst und es keine Zweitbesetzung gibt, ist es nicht vorgesehen, krank zu sein...“.

Jetzt könne sie „gewisse Sachen“ aber nicht mehr ignorieren. Jammern will sie trotzdem nicht. „Ich war immer selbstständig, das ist mir sehr wichtig“. Dass sie heute ihre „Hurcherln“, wie sie ihre Hörgeräte liebevoll nennt, benützt, störe sie überhaupt nicht. Ihre Bewegung und Mobilität behält sie sich durch regelmäßiges Fitnesstraining. „Man fühlt sich dann einfach gut und sexy.“ Nach wie vor sei sie sehr sportlich. Auch mit dem Auto ist sie viel unterwegs. Plagte sie früher eine Autobahnphobie, so bedeutet ihr diese Form der Mobilität heute auch im Alter ein Stück Freiheit.

„Dieser Beruf macht dich schon sehr speziell“, umschreibt Schauspielerin und Kabarettistin Dolores Schmidinger das Wesen ihres Genres. „Wenn du auf der Bühne stehst, bist du nicht mehr gebrechlich oder ein alter Mensch.“ Schauspielen sei wie ein Jungbrunnen. Mit dem Leben einer normalen 70-Jährigen „zwischen Seniorenreise, Walken und Gesundheitskur“ könne man das nicht vergleichen.

Diese unkonventionelle Lebensweise hält sie am Leben und entfache stets neue, kreative Kräfte. Manche würden dies „Positive Thinking“ nennen. Genau so wichtig sei ihr der Humor. Schon in der Schule habe sie entdeckt, dass die Menschen sie lieben, wenn sie komisch ist: „Humor ist für mich so wichtig wie Luft und Wasser.“ Dass sie ursprünglich aus „Verzweiflung“ in den Humor geflüchtet sei, wie sie betont, kann da nur als Glücksfall bezeichnet werden...