Mittlerweile betreiben wir unsere Studien nicht nur in ganz Österreich, sondern sind weltweit aktiv: Unsere große Brustkrebsstudie PALLAS läuft in 22 Ländern – von Australien über Südkorea bis nach Kanada – mit 4.600 Patientinnen. Sie wird von unserer Studienzentrale in Wien aus geleitet.

Forschung fördern

Für derart anspruchsvolle Projekte braucht man Partner, um die enormen Kosten, die bei einer Studienlaufzeit von immerhin 15 Jahren anfallen, abzudecken, und um die benötigten Wirkstoffe zur Verfügung zu stellen.
Man muss es klar sagen: In Österreich wäre es derzeit ohne Unterstützung durch die pharmazeutische Industrie nicht möglich, weltweit bedeutsame klinische Forschung zu betreiben, da es hierzulande dafür an öffentlichen Förderungen fehlt. Klinische Studien kosten heute – nicht zuletzt aufgrund der richtigen und wichtigen Vorschriften zur PatientInnensicherheit – um ein Vielfaches mehr, als es im österreichischen Förderwesen auch nur annähernd vorgesehen ist. Dass der Forschungsstandort Österreich trotzdem weiterhin attraktiv bleibt, ist unter anderem auch der anhaltend guten Kooperation von akademischen Forschungsnetzwerken und industriellen Partnern zu verdanken, natürlich nach klaren Ethik- und Transparenzregeln.

Zukunft sichern

Neben dem direkten therapeutischen Vorteil für Betroffene bringen klinische Studien auch einen erheblichen Wissensgewinn für die Ärzteschaft, was mittel- und langfristig wiederum den österreichischen PatientInnen zugutekommt. Es ist uns und sollte jedem Entscheidungsträger ein großes Anliegen sein, Österreich weiterhin aktiv in der klinischen Krebsforschung verankert zu wissen und diesem Bereich nicht nur durch die (von manchen zu Unrecht kritisierte) Vernetzung mit Pharmakonzernen, sondern durch öffentliche Förderungen ausreichend Mittel zur Verfügung zu stellen. Nur dann wird es möglich sein, auch in Zukunft exzellente Forschung in Österreich zu betreiben.

 

Herr Professor Gnant, die Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group – kurz: ABCSG – ist eine akademische Studiengruppe. Was bedeutet das?

MG: Das heißt, dass wir als ARO, also als Academic Research Organization, nicht so sehr  „Auftrags“studien von Pharmaunternehmen durchführen, sondern unsere ExpertInnen eigenständig Studienideen zu Protokollen ausarbeiten und uns im Anschluss um Unterstützungsmöglichkeiten bemühen.

Und die finden Sie in der Pharmaindustrie?

MG: Es ist nicht so, dass Pharma-, Medizinprodukt- oder Diagnostikunternehmen sich immer von unseren Studienideen begeistern lassen und diese bereitwillig finanzieren. Natürlich versuchen wir auch immer wieder, öffentliche Gelder zu lukrieren, aber da sind uns mit den engen Mitteln in Österreich leider schnell Grenzen gesetzt. Klinische Forschung dauert viel länger als Grundlagenforschung und ist auch um einiges kostenintensiver. Wir haben gerade im adjuvanten Setting Laufzeiten von 10-15 Jahren, z.B. der FWF fördert aber nur Projekte mit maximal zwei Jahren Laufzeit. Wenn man mit mindestens zwei weiteren EU-Ländern zusammenarbeitet, kann man sich zwar bei dem EU-Projekt „Horizon 2020“ bewerben, das ist allerdings mit einem sehr hohen administrativen Aufwand verbunden, sodass Einzelpersonen und kleinere Zentren damit meist überfordert sind. Der Schwerpunkt der öffentlichen Förderprogramme liegt bei uns eher in der Grundlagenforschung. Öffentliche Unterstützung für klinische Studien gibt es in Österreich also so gut wie nicht, weniger als 1% der klinischen Forschung finanziert sich aus Steuergeldern – der EU-Schnitt liegt bei immerhin 15% und in den USA sind es mehr als 50%. Eine für Österreich eigentlich blamable Situation.

Also ohne Pharmaindustrie keine klinische Forschung?

MG: Im Moment ist das bei uns so der Fall, ja. Und obwohl die Kooperation mit der Industrie schon seit Jahrzehnten sehr gut und vor allem transparent läuft, würden wir uns in diesem Punkt eine deutliche Veränderung der österreichischen Forschungsförderungspolitik dringend wünschen. Natürlich könnten akademische Netzwerke noch erfolgreicher und themenunabhängiger agieren, wenn zumindest eine strukturelle Basisfinanzierung seitens des Staates gegeben wäre. Da es das nicht gibt, gehen heute jeder Studie intensive und langwierige Verhandlungen mit der Industrie voraus, um ein intelligentes Protokoll in der optimalen Form umsetzen zu können.

Gibt es dann nicht auch Einflussnahmen, nach dem Motto „wer zahlt, schafft an“?

MG: Wir verhandeln meistens ganz gut! Es gibt wie bei jeder Partnerschaft natürlich manchmal Kompromisse, allerdings niemals bei so essenziellen Dingen wie Ablauf der Studie, Governance, Patientensicherheit oder Schutz der Patientendaten. Das unterscheidet die akademische von der industriellen Forschung ganz wesentlich: Alle PatientInnendaten sind bei uns ohne jedwedes kommerzielles Interesse in sicheren Händen. Jede Studie wird natürlich separat verhandelt und vertraglich geregelt, aber Kompromisse gibt es manchmal hinsichtlich der Ergebnispräsentation oder -verwertung, also dass sowohl die Industrie als auch natürlich der akademische Partner die Ergebnisse für seine Zwecke verwenden darf. Einflussnahmen in dem Sinn, dass die Industrie vorschreibt, was bei einer Studie rauskommen soll, kann ich ausschließen – so etwas habe ich in drei Jahrzehnten klinischer Forschung nie erlebt. Wir arbeiten in diesen Kooperationen immer sehr transparent, das wird auch durch die (zu Recht) strenge Gesetzeslage hierzulande gewährleistet.

Stichwort Gesetze: Ab 2018 werden klinische Prüfungen auf EU-Ebene neu geregelt. Welche Veränderungen erwarten Sie für die ABCSG?

MG: Nun, es wird unsere Arbeit jedenfalls nicht erleichtern. Der Beschluss von 2014 konnte bislang nicht wirklich umgesetzt werden, weil es einen immensen administrativen Aufwand bedeutet, dem die meisten Institutionen in diesem Land (noch) nicht gewachsen sind. Es steht zu befürchten, dass kleinere akademische Organisationen, wie es letztlich auch die ABCSG trotz ihrer globalen Aktivitäten eine ist, ins Abseits geraten – andere Fachgesellschaften in Österreich wären wohl gänzlich chancenlos. Das könnte dazu führen, dass klinische Forschung nur noch von ressourcenstarken Unternehmen wie eben der Pharmaindustrie betrieben werden kann. Es ist jetzt schon eine sehr große Herausforderung, den enormen Aufwand im Vorfeld einer Studie zu bewältigen und kleinere Zentren tun sich das oft gar nicht an, weil sie weder Personal noch Zeit dafür haben.
Vor diesem Hintergrund ist noch wichtiger, dass sich alle EntscheidungsträgerInnen in diesem Land auch zur klinischen Exzellenz-Forschung bekennen und gemeinsam an einer guten Lösung arbeiten: für Universitäten, für akademische Netzwerke, für die Krankenkassen und vor allem für unsere PatientInnen.