Christine Nöstlinger
Sie zählt mit über 100 Büchern zu den bekanntesten und einfl ussreichsten Kinderbuchautoren des deutschen Sprachraums. Ihr Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit international renommierten Preisen ausgezeichnet.

Was, denken Sie, soll Literatur mit Kindern machen? Soll sie zum Denken anregen, Zeit vertreiben, sie in eine andere Welt hineinführen?

Ich habe immer große Schwierigkeiten, wenn man so allgemein Kinder sagt, weil sie grundverschieden sind. Es gibt Kinder, die überhaupt nicht gerne lesen, die kann man nicht zum Lesen zwingen, das wäre unsinnig. Es gibt Kinder, die sehr gerne lesen, die immer noch lieber lesen, als Computer zu spielen oder fernzusehen. Sie haben aber nur etwas davon, wenn sie ein vernünftiges Buch in der Hand haben und nicht irgendeinen Schmarren. Wenn ich Literatur ganz kurz definieren sollte, würde ich sagen „ein Stück Welt in Sprache umsetzen“ und das gilt für Kinder wie für Erwachsene. Und wenn man ein Stück Welt kapiert hat, dann geht es einem im Leben irgendwie besser, weil man mehr versteht.

 

Sie haben bis heute mehr als 100 Bücher geschrieben. Neben der Familie kein leichtes Unterfangen.

Da haben sich viele Leute gewundert. Ich habe damals die große Fähigkeit gehabt, mich sehr schnell auf etwas konzentrieren zu können. Wir hatten ja keine große Wohnung, die Kinder haben meistens Freunde bei sich gehabt, die Wohnung in Beschlag genommen, mein Ehemann war auch noch irgendwo vorhanden und ich schrieb in der Küche und ich habe hunderttausendmal meine Arbeit unterbrochen, um ein Butterbrot zu streichen, um einen Streit zu schlichten, um irgendwelche anderen Kinderwünsche zu erfüllen. Meine ersten Manuskripte waren, wie mir meine Verleger heute oft noch lachend mitteilen, mit Fettflecken voll, weil ich eben in der Küche saß und auf einer kleinen Olivetti- Maschine da vor mich hin tippte, aber irgendwie ist es mir gelungen.

 

«Wenn man ein Stück Welt kapiert hat, dann geht es einem im Leben irgendwie besser»

 

Das Schreiben als große Leidenschaft machte es möglich?

Also Bestimmung war es sicher keine. Und ich will jetzt auch nicht Zufall sagen. Ich hatte mich in meinen Jugendjahren nie zur Mutter und Hausfrau entworfen. Ich war eine junge Frau, die ein Gymnasium und ein Studium hinter sich hatte. Und als ich 21 war und meine erste Tochter bekam, befand ich mich plötzlich in einer Situation, die ich nie für mich geplant hatte und war dann sozusagen in einer vorübergehenden Lähmung. Rückblickend war ich wahrscheinlich depressiv. Ich habe zum Beispiel lauter runde Fleckerln gehäkelt und dann weggeworfen. Aber irgendwann habe ich mich hingesetzt und überlegt, wie ich von zu Hause aus Geld verdienen könnte. 

Zeichnen hatte ich gelernt, also fing ich damit an ein Bilderbuch zu entwerfen und erfand noch eine Geschichte dazu. Und dann war ich so froh, da irgendwo einen Zipfel von Erfolg erwischt zu haben, nachdem das erste Buch „Die feuerrote Frederike“ gleich verlegt wurde und einen Preis bekam, dass ich nichts anderes mehr tun wollte als arbeiten, aber natürlich habe ich alles andere auch noch erledigt.

 

Haben Sie einen Rat für Frauen, um Kind und Arbeit zu meistern?

Mein Gott, ich bin nicht gut im Ratschläge erteilen. Ich weiß nur, wenn ich an meine eigene Ehe zurückdenke und an die Ehen meiner Freundinnen und von Frauen, die ich gut kannte, dass wir uns rückblickend viel zu willig in diese Doppelbelastung gefügt haben. Meiner Beobachtung nach sind es immer noch die Frauen, die im Grunde genommen nicht nur für die Kinder, sondern auch für den Haushalt zuständig sind. Und ich finde, da kann man schon etwas mehr fordern. Denn Männer müssen sich an diese neue Rolle, die ihnen emanzipierte Frauen zugedenken, ja irgendwie auch gewöhnen.