Gab es bereits während der Zeit als „Bamschabl“ literarisches Schaffen oder wie kam es dazu?

Ich pflegte während meiner Zeit als Entertainer auf ähnliche Fragen gern zu antworten: Wenn man immer nur Schokolade isst, bekommt man irgendwann irre Lust auf Salami. Die Traurigkeit, die so oft kolportierte inverse Seite der Clowns, das ist sicher Klischee – mein Bedürfnis nach Vielfältigkeit hingegen ist Realität. Ich hatte schon als Student Probleme, mich zwischen den Berufen Maler, Schriftsteller oder Musiker zu entscheiden, bin schließlich Musiker geworden, habe jedoch weder von der Malerei, noch der Schriftstellerei wirklich lassen können. Mit dem Tod meines Bühnenpartners vor sechs Jahren habe ich meine schon lange nebenbei gepflogene Leidenschaft zum neuen Beruf gemacht: das Schreiben.

 

Und woher kommt der Stoff zum Schreiben?

André Gide meinte einmal, es gäbe so gut wie keine Schriftsteller, die nicht autobiografisch schrieben. Das hat etwas. Über mich wurde einmal geschrieben, ich „sammle Menschen, wie andere das mit erlesenen Weinen tun, oder mit tollen Uhren“. Das hat ebenfalls etwas: Respekt vor anderen, auch andersdenkenden Menschen, ihnen zuzuhören, zu versuchen, eigene Ideen vor ihnen in ihre Sprache umzusetzen. Und es macht Lust, irgendwann auch einmal nicht nur über sich selbst zu schreiben.

 

Alle bisher veröffentlichten Romane* behandeln auf irgendeine Art und Weise die Frage nach Menschlichkeit – Menschlichkeit in vom Menschen geschaffenen Systemen – und schwanken dabei zwischen Zuversicht und hoffnungsloser Erschütterung. Ist eine aufrührerische Essenz der Texte gewollt?

Ich hatte das Glück, in der Zeit des Kalten Krieges unter dem ständigen Damoklesschwert eines dritten Weltkriegs eine geborgene Kindheit zu erleben: Menschlichkeit inmitten von Bedrohlichkeit, unendlicher Fleiß meiner Eltern in wirtschaftlich karger Zeit und deren Wunsch, mir eine andere Kindheit und Jugend, als sie es selbst gehabt hatten, zu ermöglichen – Menschlichkeit inmitten einer ebenfalls vom Menschen geschaffenen Unmenschlichkeit. Dieser Umstand wurde mir erst als Erwachsenem bewusst, und deshalb ist – um auf die zweite Frage zu antworten – die aufrührerische Essenz der Texte sehr wohl gewollt: Kunst kann Bewusstsein schaffen.

 

Im aktuellen Buch „Die Sonne der Maulwürfe“ steigt und stürzt ein Musiker aus bzw. in der DDR. Wie war es möglich, als Österreicher derart authentisch die DDR-Tristesse abzubilden, von der heute nur noch im Innern der Ostdeutschen etwas aufzufinden ist?

Ich hatte als Entertainer mit meinem Kollegen zusammen immer wieder Auftritte in der DDR, von Gastspielen bis zu Fernsehaufzeichnungen, und versuchte in meiner Freizeit, so tief wie möglich in diese mir in vielen Belangen fremde Welt einzutauchen, Menschen kennenzulernen, sie erzählen zu lassen. Der Rest war monatelange, gezielte Recherche, um als „Nicht-Native Speaker“ der DDR trotzdem authentisch schreiben zu können.

 

Konnten Sie Ähnlichkeiten zwischen österreichischer und DDR-Mentalität entdecken?

Es liegt mir fern, über eine „DDR-Mentalität“ zu urteilen, die ja zum Großteil sicher genauso Mythos ist, wie die „Österreichische Seele“. Dass Angst vor Vielfalt, Unterschiedlichkeit und allem Fremden aber erstickend werden kann, wurde damals in der Oberschicht der DDR genauso wie heute in breiten Schichten Österreichs zu wenig erkannt. Das ist sicher eine Gemeinsamkeit.

 

Gab es gedanklich Parallelen beim beschriebenen Fluchtversuch aus der damaligen DDR zur heutigen Flüchtlingsbewegung aus dem vorderen Osten?

Natürlich. Ich möchte zwar die heutigen Fluchtbewegungen nicht direkt mit denen aus der damaligen DDR vergleichen, es herrschte kein Krieg wie heute in Syrien, keine Hungersnot wie heute in großen Teilen Afrikas. Aber die Sehnsucht der Menschen nach Freiheit und Selbstbestimmung ist zeitlos.

 

... und deren Zerstörungswut. Da gibt es ein Sprichwort: „Willst du einen Menschen kennenlernen, gib ihm Macht.“ Einer Macht war sich Renker in Ihrem Roman scheinbar nicht bewusst?

Der privilegierte Promi Renker beginnt viel zu spät zu denken. Macht korrumpiert, die eigene Umgebung mutiert zu Huldigern. Ein Teufelskreis, dem zu entkommen ein Gang durch die Hölle sein kann.

 

Der neue Roman ist ja eine Buchüberschreibung des Matthäus-Evangeliums – was bedeutet das? Warum ausgerechnet das Neue Testament? Was können Text und LeserInnen daraus gewinnen?

Mein erster Impetus, ausgerechnet die Bibel zu zitieren, lag eigentlich in der Wucht ihrer Sprache. Das Inhaltliche kam erst dazu. Das gewählte Matthäus-Evangelium wird den eschatologischen Schriften zugeordnet: der prophetischen Lehre der Hoffnung auf Vollendung des Einzelnen und der gesamten Schöpfung, der Hoffnung also auf den Anbruch einer neuen Welt.

Und in meinem Roman geht es in den ineinander geschriebenen Lebensabschnitten meines Hauptprotagonisten einerseits und Jesus von Nazareth andererseits nicht um Wertung oder Vergleich, sondern um die Zeitlosigkeit von Hoffnung und ihr entgegenstehender Gewalt. Dieses Buch soll Menschen Geschichten von Menschen erzählen.

 

* Till Till Coke und Amok (2005), Yellowstone (2007), Ayasha tanzt (2011)

„Die Sonne der Maulwürfe“ ist im März im Wiener Verlag PROverbis als Hardcover (ISBN 978-3-902838-34-6; 24,90 €) erschienen. Das E-Book (ISBN 978-3-902838-37-7; 19,00 €) erscheint im April.

 

Buchpräsentationen

12. März, 19:30 Uhr: Buchhandlung Kuppitsch (Schottengasse 4, 1010 Wien)

15. bis 18. März: Buchmesse Leipzig (Halle 5/Stand G304)

4. April, 19:00 Uhr: Buchandlung Thalia W3 (Landstraßer Hauptstraße 2A, 1030 Wien)

10. April, 19:00 Uhr: Lhotzkys Literaturbuffet (Rotensterngasse 2, 1020 Wien)

 

Links

Homepage des Verlages mit Leseprobe und vom Autor eingelesener Textprobe

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