Wie läuft ein ganz normaler Tag, zum Beispiel ein Dienstag, bei Ihnen ab?

Mein Wecker klingelt kurz vor sechs. Ich stehe rasch auf und kümmere mich meist als Erstes um die Katze. Dann wecke ich unseren Großen, Tobias (15). Ich klopfe bei ihm und öffne seine Tür. Dann kommt Laura, unsere Tochter, dran.

Die beiden machen sich dann allein fertig?

Nein, Laura hat eine Entwicklungsverzögerung, sie ist mit ihren 13 Jahren wie eine Sechs- bis Achtjährige unterwegs. Ich kann sie nicht unbeaufsichtigt lassen …  Sie hat Pflegestufe 2. Aber einmal wach, ist sie sehr flott (lacht). Ich lege ihr das Gewand heraus und helfe ihr, sich anzukleiden. Derweil habe ich mich auch schon um das Frühstück gekümmert, die Brötchen sind im Rohr. Mein Mann ist unterwegs zur Arbeit. Nach dem Frühstück – Laura hat einen echten Schokozahn! – machen die beiden Großen sich auf in die Schule. Tobias fährt mit dem Bus in die HTL (Höhere Technische Lehranstalt – Anmerkung der Redaktion) und Laura wird von ihrem Fahrdienst abgeholt. Sie besucht eine Integrationsklasse in der Mittelschule.

Und dann haben Sie Zeit für sich?

Noch nicht! Erst ist noch unser Jüngster dran: Jonathan ist acht Jahre alt. Er ist körperlich und geistig jedoch auf dem Entwicklungsstand eines sechs Monate alten Babys. Er sitzt im Rollstuhl, kann nicht sprechen und leidet zudem an Epilepsie. Jonathan ist ein schlechter Nachtschläfer und meist zuerst wach. Während ich den beiden Großen in die Spur helfe, ist er noch im Bett und gibt Klopfzeichen (lacht). Ich wickle ihn, wasche ihn, ziehe ihn an und er bekommt sein Frühstück. Und dann erst habe ich eine Viertelstunde für mich, bevor ich Jonathan in die Schule bringe.

Kann Jonathan sich derweil allein beschäftigen?

Jonathan hat Bücher zum Fressen gern – wortwörtlich! (lacht) Unser Kleiner sitzt gerne auf der Couch und schaut sich Bücher an. Von dort kann er auch aus dem Fenster gucken. Er liebt Autos. Und er spielt gerne mit Geräusche machendem Spielzeug.

Was steht als Nächstes an, der Haushalt?

Nein, der muss bis zum Nachmittag warten. Ich drücke an zwei Vormittagen die Schulbank, um mein Abitur zu machen. Und dienstags und mittwochs gehe ich arbeiten.

Was arbeiten Sie?

Ich tobe in einem kleinen Stoffgeschäft meine Kreativität aus (lacht).

Klingt, als würden Sie nur zum Spaß arbeiten …

Nein, wir wollen unsere Kinder auf private Schulen schicken – das kostet. Also trage ich meinen Teil dazu bei. Aber ich liebe Stoffe und nähe sehr gerne. Der Job ist ein echter Glücksgriff! 

Emma, wie geht Ihr Dienstag weiter?

Das Abholen der Kinder von der Schule teilen wir uns, ich - und meine Schwiegermutter. Dienstags komme ich mit Jonathan von der Arbeit heim und wenn ich Glück habe (zwinkert), dann hat meine Schwiegermutter sogar schon gekocht.

Ihre Schwiegermutter ist demnach ein fester Bestandteil des Familienalltags?

Ich wüsste nicht, was ich ohne sie täte! Sie betreut dienstags nachmittags Jonathan und hält mir so buchstäblich den Rücken frei, wenn ich selbst Sport mache. Ich brauche einen starken Rücken, schon allein wegen Jonathan: Er muss ja überall hingehoben werden.

Wie wichtig ist Ihnen die Förderung der Kinder, insbesondere der beiden mit Behinderungen?

Sehr wichtig. Aber ich beobachte meine Kinder genau. Wenn es ihnen zu viel des Guten wird, breche ich eine Therapie auch mal ab. Jonathan zum Beispiel lacht immer und bringt uns zum Lachen. Ich will sein sonniges Naturell nicht mit Therapien zerstören, sondern ihn so glücklich behalten, wie er ist.

Der Dienstag ist noch nicht vorbei …

Stimmt. Am Nachmittag kommt Laura und muss Hausaufgaben machen. Tobias hatte Unterricht in den Werkstätten und meist noch was zu lernen. Und ich starte derweil mit Jonathans Abendritual. Füttern, Waschen, Medizin verabreichen …

Ein beachtliches Pensum, das Sie jeden Tag stemmen, Emma. Haben Sie sich Ihr Leben als Mutter so vorgestellt?

Ich wollte immer Kinder! Ich kenne turbulentes Geschwisterleben und wollte nie ein Einzelkind. Und während meiner Jobs als Babysitter erfuhr ich: Kinder machen auch Stress (lacht).

Tobias war ein Wunschkind?

Er war ein perfektes Hoppala (lacht), mein Mann und ich kannten uns zwei Monate. Ich schritt mit Tobias im Bauch wie auf Wolken umher. Ich war 21, als er dann kam. Er forderte mich ganz und gar. Ich habe ihn ein Jahr lang gestillt. Direkt nach dem Abstillen wurde ich mit Laura schwanger – ein Klassiker. Leider ging es mir in der Zeit schlecht. Ich litt während der Schwangerschaft mit Laura an einer Depression und entwickelte eine angehende Magersucht. Stellen Sie sich vor: Ich wiege heute mehr als damals hochschwanger mit Laura … 

War schon während der Schwangerschaft klar, dass Laura sich verzögert entwickelte?

Nein, unsere Laura kam gesund zur Welt - zart, aber gesund.

Wann bekam Laura ihre Diagnose?

Als sie zehn war.

Da war Kind Nr. 3 bereits da …

Ja, ich hatte immer das Gefühl, dass noch einer in der Familie fehlte. Erst mit dem Wissen um die Schwangerschaft mit Jonathan wurde ich diesbezüglich ruhig.

Was bedeutet Ihnen Ihre Familie?

Sie ist mein Leben. Und ich habe mein Leben bewusst auf meine Familie ausgerichtet.

Sind Sie glücklich?

Ja! (lacht)

Was wünschen Sie sich?

Ich möchte gerne noch das eine oder andere Fleckchen Erde sehen. Jetzt, solange unser Engel, meine Schwiegermutter, uns noch so gut unterstützen kann. Für die Kinder wünsche ich mir, dass Tobias erfolgreich sein Leben meistert (nicht so weit weg von uns! – lacht), eine liebe Frau findet und ganz viele Kinder bekommt. Ich möchte Oma werden! Und ich hoffe, dass er immer ein Auge auf seine Geschwister hat. Für Laura wünsche ich ein selbständiges Leben, in dem sie glücklich wird. Und Jonathan … ich wünsche ihm, dass sein Gesundheitszustand sich nicht verschlechtert. Mein größter Wunsch aber ist, dass ich alt werde und gesund bleibe und meine Familie noch lange um mich habe.